💡 Aha! Zehen hoch statt „Absatz tief“
„Absatz tief!“ gehört zu den Klassikern im Reitunterricht. Dabei kann genau diese Anweisung den Sitz verschlechtern. Warum „Zehen hoch“ oft besser funktioniert, kannst du mit einem einfachen Test selbst ausprobieren.
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Aber wusstest du, dass diese Anweisung sogar kontraproduktiv sein kann? Wer schon einmal ein Seminar bei Elaine Butler (Rider Ability) besucht, bei mir Unterricht genommen oder ein Seminar gebucht hat, weiß es schon: Drückt der Reiter den Absatz aktiv nach unten, wird das Fußgelenk fest, das Bein wandert nach vorne und der Reiter gerät in den Stuhlsitz. Die Sitzbeinhöcker verlieren ihren Kontakt zum Sattel, der Reiter ist nicht mehr richtig „eingestöpselt“ und kommt hinter die Bewegung des Pferdes. Losgelassenes Sitzen wird schwieriger – und damit auch die feine Kommunikation über den Sitz.
Interessant ist, dass bei hochgezogenem Absatz die Anweisung „Zehen hoch“ viel effektiver ist und die oben genannten Nebenwirkungen vermeiden hilft.
Du glaubst das nicht? Probier es doch mal aus!
Setz dich auf einen Stuhl, fass mit den Händen unter deine Sitzbeinhöcker und drück dann zuerst die Absätze runter.
Zack! Weg sind sie, die Sitzknochen.
Natürlich sind sie nicht wirklich verschwunden. Aber du kannst deutlich fühlen, wie der Kontakt zur Sitzfläche verloren geht. Hebst du nun stattdessen die Zehen an, bleiben die Sitzbeinhöcker am Platz.
Dabei muss allerdings immer berücksichtigt werden, dass das Fußgelenk locker bleiben muss. Ist das nicht der Fall, versteift sich das Bein bis in die Hüfte, und ein solcher Reitersitz kann den Bewegungen des Pferdes nicht mehr geschmeidig folgen. Er verhindert sie sogar!
Jetzt denkst du bestimmt: Was erzählt die denn? „Absatz tief“ ist doch in der Reitlehre verankert. Die Vorstellung von den angehobenen Zehen ist sicher so „neumodischer Sitzschulungs-Krams“.
Weit gefehlt!
Es handelt sich vielmehr um eine falsche Weitergabe von Ideen. Das kannst du dir vorstellen wie bei der „Stillen Post“.
Und was sagt die klassische Reitlehre?
Besonders spannend: Du kannst es selbst nachlesen beim – wenn man so will 😉 – „Godfather der deutschen Reitkunst“, Herrn Steinbrecht persönlich. Der schreibt nämlich Folgendes:
„Der Unterschenkel ist zwar für den Sitz weniger wesentlich, umso mehr jedoch als Hauptorgan für die vortreibenden Hilfen und für die richtige Bügelhaltung. Da er zu diesem Zweck beweglich und im Fußgelenk elastisch sein muss, so ist es falsch, wenn man den Schüler zwingt, ihn durch Strecken des Kniegelenks und übermäßiges Heben der Fußspitze steif und unbeweglich zu machen. Ein steifer Unterschenkel wird späterhin weder mit dem Fuß den Bügel richtig halten, noch mit Wade und Sporn die Hilfen richtig geben können. Das Heben der Fußspitze hat ja den Hauptzweck, den Hacken mehr nach unten zu richten, damit der noch ungeübte Schüler sein Pferd nicht durch unbeabsichtigtes Berühren mit dem Sporn beunruhigt. Sobald daher seine Haltung durch Balance und Oberschenkelschluss gesichert ist, mag er seine Unterschenkel ganz weich und natürlich hängen lassen.“ (Gustav Steinbrecht, Gymnasium des Pferdes, FNverlag)
Er schreibt hier nicht nur gar nichts vom Herunterdrücken des Absatzes – vielmehr erklärt er, dass die Fußspitze angehoben wird, um den Absatz etwas abzusenken –, sondern relativiert selbst das noch: Der Unterschenkel samt Fuß soll locker bleiben – also auch ein übertriebenes Hochziehen der Zehen ist falsch.
Die Idee „Zehen hoch“ ist bei Steinbrecht für ungeübte Schüler gedacht, die sonst unbeabsichtigt mit dem Sporn ans Pferd kommen. Ich persönlich bin ja der Meinung, dass an solch einem Fuß der Sporn noch nichts zu suchen hat 😉, aber das ist ein anderes Thema.
Also: Die sinnvollere Anweisung wäre:
„Bein und Fußgelenk locker lassen und dabei die Zehen leicht anheben, sodass der Fuß leicht im Steigbügel ruht.“
Ich wünsche dir viel Spaß beim Ausprobieren!
