🌍 Hinter den Kulissen der Escola Portuguesa

Wie arbeiten Pferde, Reiter und Pfleger der portugiesischen Hofreitschule? Ein Blick auf Training, Alter-Real-Hengste und die Geschichte der EPAE in Queluz und Belém.

Agnes

8/28/20267 min lesen

Alter Real Hengste, portugiesische Sättel, Reiter in weinroten Justaucorps und Lektionen der Hohen Schule. Alles ist aufeinander abgestimmt. Die Mähnen sind eingeflochten, die Hufschlagfiguren akkurat geritten, die Pferde in der Quadrille optimal aufeinander abgestimmt. All das ist die portugiesische Hofreitschule – die Escola Portuguesa de Arte Equestre – kurz EPAE.

Um zu entdecken, wo die Pferde wohnen, wie die Reiter täglich mit ihnen arbeiten und wie sie sich auf die prestigereichen Abend-Galas vorbereiten, lohnt es sich, die portugiesische Hofreitschule am Vormittag zu besuchen. Dann kannst du im Picadeiro Henrique Calado in Belém die Hengste in unterschiedlichen Ausbildungsphasen erleben in der Morgenarbeit. Hier kannst du auch beobachten, wie die Reiter sich untereinander helfen und entdeckst Besonderheiten de portugiesischen Schule wie z.B. das Holzbrett auf dem die Pferde piaffieren.

Eine Schule an zwei Orten

Die Escola Portuguesa de Arte Equestre, kurz EPAE, ist eng mit drei Orten verbunden: Queluz, Belém und Alter do Chao. Ihren Sitz hat sie bis heute in den Gärten des Palácio Nacional de Queluz. Die regelmäßigen Vorführungen und ein Teil der täglichen Arbeit finden im Picadeiro Henrique Calado und im gegenüberliegenden Páteo da Nora in Belém statt. Ihre Pferde kommen alle aus dem berühmten Gestüt im Alto Alentejo.

Das wirkt zunächst ein wenig verwirrend, ergibt historisch jedoch Sinn. Die EPAE beruft sich auf die Real Picaria, die Reitakademie des portugiesischen Hofes im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Sie nutzte den königlichen Reitplatz in Belém. In dem historischen Gebäude befindet sich heute ein Teil des Museu Nacional dos Coches, des Nationalen Kutschenmuseums.

Die heutige Escola Portuguesa wurde 1979 auf Initiative des portugiesischen Landwirtschaftsministeriums gegründet. Zu ihren Gründern gehörten Guilherme Borba und João Costa Ferreira. Zunächst arbeitete die Schule auf dem Gelände der Sociedade Hípica Portuguesa am Campo Grande in Lissabon. 1996 zog sie in die Gärten des Palastes von Queluz, wo neue Stallungen entstanden.

Seit 2015 finden die öffentlichen Vorführungen wieder in Belém statt. Dafür wurde der Picadeiro Henrique Calado an der Calçada da Ajuda renoviert. Die portugiesische Reitkunst kehrte damit in jenen Stadtteil zurück, in dem bereits die Real Picaria gearbeitet hatte (QUELLE).

Was man am Vormittag wirklich sieht

Die Manhãs da Arte Equestre (Reitkunstvormittage) beginnen im Páteo da Nora. Dort liegen die Stallungen, und Besucher können einen Teil der Versorgung und Vorbereitung der Pferde beobachten. Anschließend geht es in die Reithalle auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Das Programm folgt nicht jeden Tag demselben Ablauf. Genau darin liegt für Reiter der Reiz. Während einer Gala werden ausgewählte Lektionen und Schaubilder präsentiert. Bei der Morgenarbeit lässt sich eher nachvollziehen, welche Arbeit dahintersteckt.

Die Pferde werden aufgewärmt und gelöst. Reiter üben einzelne Lektionen, stimmen Abstände ab oder proben Teile einer Quadrille. Je nach Pferd können Seitengänge, fliegende Galoppwechsel, Pirouetten, Piaffe oder Passage zu sehen sein. Auch die Arbeit am langen Zügel und die Vorbereitung der Schulen über der Erde gehören zur Ausbildung der Escola.

Nicht jedes Pferd zeigt alles. Alter, Ausbildungsstand, körperliche Voraussetzungen und Veranlagung bestimmen, welche Aufgaben ein Hengst übernimmt. Die spektakulären Sprünge zwischen den Pilaren, die bei den Galas so leicht aussehen, sind das Ergebnis einer langen und sorgfältig aufgebauten Ausbildung. Zu den sogenannten Ares Altos, den Schulen über der Erde, gehören an der EPAE unter anderem Levade, Courbette, Ballotade und Kapriole.

Beim Training wird sichtbar, dass der Alltag in der Hofreitschule zu einem großen Teil aus Grundlagentraining besteht. Ein Pferd muss sich tragen, auf feine Hilfen reagieren und auch innerhalb der Quadrille ruhig bei seinem Reiter bleiben. Erst daraus können später die exakt gerittenen Schaubilder entstehen.

Ausschließlich Pferde aus Alter do Chão

Die EPAE reitet ausschließlich Lusitanos aus der Coudelaria de Alter. Das Kürzel „AR“ hinter den Namen der Hengste steht für Alter Real.

Das königliche Gestüt wurde 1748 gegründet. Portugal wollte geeignete Pferde für den Hof und für die Hohe Schule im eigenen Land züchten. Die ersten Stuten kamen überwiegend aus Spanien. In Alter do Chão entwickelte sich daraus eine eigene Linie innerhalb der Lusitano-Zucht, die bis heute erhalten wird.

Seit der Gründung der EPAE wird ein Teil der Alter-Real-Pferde gezielt für die Hohe Schule ausgebildet. Damit verbindet die Schule Reitkunst und Zucht auf eine Weise, die sich über viele Pferdegenerationen beobachten lässt. Die Hengste sollen die für die anspruchsvollen Lektionen erforderliche Kraft, Beweglichkeit und Versammlungsfähigkeit mitbringen. Ob ein einzelnes Pferd tatsächlich bis zu den Schulen über der Erde ausgebildet werden kann, zeigt sich erst im Laufe der Jahre.

Die Alter Real sind keine einheitliche Gruppe. Bei einem Besuch sieht man kräftige sehr barocke und eher kompakte Pferde ebenso wie leichtere, elegantere Typen. Auch Temperament und Bewegungsablauf unterscheiden sich. Die Ausbildung orientiert sich immer am individuellen Pferd.

Kleidung und Ausrüstung gehören zum historischen Konzept

Selbst während der öffentlichen Morgenarbeit tragen die Reiter historische Kleidung. Dazu gehören der schwarze Dreispitz, die lange weinrote Reitjacke, weiße Reithosen, Lederstiefelschäfte und Sporen. In der Hand hält der Reiter eine Gerte aus Quittenholz, die vara de marmeleiro.

Auch die Ausrüstung der Pferde folgt historischen Vorbildern. Die portugiesischen Sättel besitzen Sitz und Sattelblätter aus Wildleder. Brustblatt, Schweifriemen und der samtbezogene Schabrackenüberwurf gehören zum vollständigen Bild. Auf Metallbeschlägen und Medaillons erscheinen die portugiesischen Staatswaffen oder das Wappen König João V.

Für Galas werden Mähnen und Schweife aufwendig eingeflochten. Pferde, die Schulen über der Erde zeigen, tragen den Schweif hochgebunden. Das dient nicht der Dekoration, sondern gehört wie Kleidung, Sättel und bestimmte Vorführungen zum überlieferten Erscheinungsbild der Real Picaria (QUELLE). [Die Escola dokumentiert diese Ausrüstung ausführlich auf ihrer Website.

Die EPAE in Belém

Die EPAE in Belém– Oben links :Oberbereiter João Quintas mit Hihoro, oben rechts: Strassenansicht des Páteo da Nora, unten links Sattelkammer der EPAE, unten rechts: Hengst nach der Arbeit und einer Dusche(Fotos links: Parques de Sintra, Fotos rechts Agnes Trosse)

Die Menschen hinter den Galas

Bei einer Vorstellung richtet sich der Blick fast automatisch auf Pferde und Reiter. Der tägliche Betrieb wäre ohne die Pfleger jedoch nicht möglich. Sie versorgen die Hengste, bereiten sie vor und begleiten ihre Entwicklung über viele Jahre. Auch das Flechten und Herrichten für die Auftritte verlangt Zeit und Erfahrung.

Hinzu kommen die Abstimmung der Reiter untereinander, die Ausbildung jüngerer Pferde und Reiter sowie die Planung der Programme. Ein Schaubild mit mehreren Pferden verlangt andere Fähigkeiten als eine einzelne Lektion. Die Pferde müssen auf ihren Reiter achten und gleichzeitig mit der Nähe der anderen Hengste zurechtkommen. Tempo, Linien und Abstände müssen immer wieder gemeinsam geprobt werden.

Als ich für meinen Reiseführer mit João Pedro Rodrigues, dem leitenden Oberbereiter der Portugiesischen Hofreitschule, sprach, nannte er mir rund 15 Reiter und 60 Pferde. Der zuletzt veröffentlichte Geschäftsbericht bestätigt für Ende 2024 einen Bestand von 60 Pferden; auf ihrer Website führt die Schule derzeit 13 Reiter auf. Nur ein Teil der Pferde ist bei einer einzelnen Gala zu sehen. Während die erfahrenen Hengste auftreten, arbeiten jüngere Pferde noch an den Grundlagen.

Gala oder Morgenarbeit?

Wer die EPAE zum ersten Mal besucht und die portugiesische Hofreitschule in ihrem vollständigen historischen Erscheinungsbild erleben möchte, sollte eine Gala wählen. Dort werden die Kostüme, die Musik, die Quadrillen, die Arbeit an den langen Zügeln und die Schulen über der Erde zu einem Programm verbunden.

Für interessierte Reiter ist die Morgenarbeit häufig aufschlussreicher. Sie zeigt verschiedene Ausbildungsstufen und lässt mehr Zeit, einzelne Pferde zu beobachten. Außerdem wird verständlich, wie viel regelmäßige Arbeit in wenigen Minuten einer Gala steckt.

Am besten sind daher zwei Besuche. Die Morgenarbeit erklärt die Ausbildung. Die Gala zeigt, wofür sie gebraucht wird. Besonders toll sind natürlich die Galas, bei denen die EPAE auch mit den Schulen aus Spanien (Jerez und Cordóba), Östereich (Wien) und Frankreich (Saumur) auftritt.

Besuch der Escola Portuguesa de Arte Equestre

Die öffentliche Morgenarbeit findet derzeit montags bis freitags in Belém statt. Von 11 bis 12 Uhr kannst du zunächst den Páteo da Nora besuchen. Dort befinden sich ein überdachter Außenreitplatz, die Schmiedewerkstatt, die Stallungen und die Sattelkammer. Aus nächster Nähe lässt sich hier beobachten, wie die Hengste versorgt, gesattelt und auf die anschließende Arbeit vorbereitet werden.

Zum Rundgang gehört außerdem ein kleines Museum. Videos, Ausstellungsstücke und eine Zeitleiste erzählen von der Geschichte der Portugiesischen Hofreitschule. Zu sehen sind unter anderem die traditionelle Kleidung der Reiter und die Ausstattung der Pferde.

Du kannst den Páteo da Nora auf eigene Faust erkunden oder an einer Führung teilnehmen. Die Führungen beginnen um 11 und um 11.30 Uhr und werden auf Portugiesisch, Englisch, Französisch und Spanisch angeboten. Sie können nur vor Ort gebucht werden.

Von 12 bis 13 Uhr wird die Arbeit im gegenüberliegenden Picadeiro Henrique Calado gezeigt. Mittwochs findet in dieser Zeit häufig eine Vorführung statt. Da Termine und Programme variieren können, solltest du vor deinem Besuch einen Blick auf den aktuellen Kalender werfen. Tickets für die Morgenarbeit und die Termine der Galas findest du HIER auf der Website von Parques de Sintra.

Im Páteo da Nora darfst du ohne Blitz fotografieren und filmen. Im Picadeiro Henrique Calado sind Foto- und Videoaufnahmen nicht gestattet. Zwischen 11 und 13 Uhr sind außerdem das Café und der Shop geöffnet. Dort bekommst du übrigens auch meinen Reiseführer „Auf den Spuren des Lusitanos“.

Der Picadeiro Henrique Calado liegt an der Calçada da Ajuda in Belém, nicht weit von den beiden Gebäuden des Kutschenmuseums entfernt. Der Besuch lässt sich daher gut mit dem Museu Nacional dos Coches, dem Mosteiro dos Jerónimos und – natürlich – einem Pastel de Nata verbinden.

Wer anschließend nach Queluz fährt, besucht einen weiteren wichtigen Ort in der Geschichte der Escola. In den dortigen Palastgärten hatte die Schule ihre Stallungen und trat über viele Jahre auf. Die Stallungen sind nicht Teil des regulären Rundgangs. Der Palast und seine Gartenanlagen vermitteln jedoch einen Eindruck von jener höfischen Welt, die Ursprung der portugiesischen Reitkunst ist.

Weitere Orte, Gestüte und Veranstaltungen rund um den Lusitano stelle ich in meinem Reiseführer Auf den Spuren des Lusitanos vor.

Agnes Trosse mit João Pedro Rodrigues und Lisa Maas im EPAE-Shop und ihrem Buch „Auf den Spuren des Lusitanos“.
Agnes Trosse mit João Pedro Rodrigues und Lisa Maas im EPAE-Shop und ihrem Buch „Auf den Spuren des Lusitanos“.

Mit dem leitenden Oberbereiter João Pedro Rodrigues und Lisa Maas im Shop der EPAE, wo es mein Buch auch zu kaufen gibt.

agnes@motivierte-pferde.de

Tel: +49-172-4344018