🌍 Warum ich immer wieder nach Portugal reise
Was mich immer wieder nach Portugal zieht? Angefangen hat alles mit dem Lusitano. Inzwischen sind es die Pferde, die Menschen, die Geschichte und die vielen Begegnungen abseits der üblichen Wege.
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Wenn mir vor einigen Jahren jemand gesagt hätte, dass ich wieder sehr regelmäßig nach Portugal fliegen würde*, hätte ich ihn vermutlich für ein bisschen verrückt erklärt. Inzwischen brauche ich manchmal selbst einen Moment, um nachzuzählen, wie oft ich eigentlich dort war.
Schuld daran ist – natürlich – ein Pferd. Genauer gesagt der Lusitano.
Durch eine Fortbildungsreise 2016 mit dem BfkbR und Richard Hinrichs begann ich, mich wieder intensiver mit Portugal zu beschäftigen: mit der Reitkunst portugiesischer Tradition, mit der Geschichte des Lusitanos und der mit ihm verbundenen Reitkultur. Damals trafen wir João Pedro Rodrigues, der uns in der Reitschule in Belém Näheres über den Lusitano und die Besonderheiten der portugiesischen Reiterei erzählte. Anschließend durften wir seine Zucht und seinen Reitstall besichtigen. Auf derselben Reise lernte ich Luís Valença kennen und nahm Unterricht bei ihm. Auch António Brito Paes lernten wir damals kennen und bekamen dadurch einen etwas differenzierteren Blick auf die Verbindung des Lusitanos mit dem Stierkampf.
Tatsächlich faszinierte mich auf dieser Reise aber ein Pferd ganz besonders: Rouxinol von João Pedro Rodrigues. Wir sahen ihn unter dem Sattel, und ich hatte das Gefühl, ein Pferd aus einem Parrocel-Stich vor mir zu haben. Seit diesem Erlebnis lassen mich Lusitanos nicht mehr los. Ich liebe ihre ausdrucksstarken Köpfe, ihre dem Menschen so außergewöhnlich zugewandten Charaktere, ihre beeindruckende Versammlungsfähigkeit und ihre Vielseitigkeit.
ür Feine Hilfen brachte ich 2019 eine Ausgabe über Reitkunst in Portugal heraus. Nun hatte mich das Recherchefieber gepackt. Und da jede Begegnung irgendwie zu weiteren spannenden Orten und Menschen mit ihren Pferden führte, begegnete ich schließlich auch Lisa Maas. Sie half mir auf diesem Weg entscheidend weiter und brachte die ursprüngliche Idee für ein Buch über historische Orte, die mit dem Lusitano in Verbindung stehen, ins Spiel. Diese Idee entwickelte ich anschließend weiter. So wurde am Ende aus meiner Begeisterung für dieses so besondere Pferd ein Reiseführer.
Tja, und seitdem komme ich immer wieder zurück.
Und dabei wächst meine Begeisterung gefühlt immer weiter statt sich abzunutzen.
Ich konnte schon immer sehr lange an einer Weide stehen und Pferde beobachten. Als Kind hab ich aiuf Autofahrten jedes Pferd lautstark kommentiert an dem wir vorbeifuhren (das ist möglcherweise heute noch so 😂). Heute verbinde ich das gerne im Gespräch mit einem Züchter damit, zu erfahren, was ihm bei der Zucht wichtig ist – warum er gerade diese Stute behalten hat, was er sich von einem bestimmten Hengst verspricht und was für ein Pferd er sich erträumt.
Und irgendwann auf meiner Reise zu unterschiedlichen Züchtern, unterschiedlichen historischen Orten, Handwerksbetrieben und allem was so den Weg in meinen Reiseführer gefunden hat, habe ich gemerkt, dass mich an meinen Besuchen und Gesprächen noch etwas anderes fasziniert.
Über den Lusitano lerne ich Portugal kennen.
Ich lande auf Landgütern, auf die ich als normale Touristin vermutlich nie gekommen wäre. Ich sitze mit Menschen am Tisch, die ich ohne die Pferde nie kennengelernt hätte. Ich fahre über Straßen, die in keinem klassischen Reiseprogramm auftauchen, und erfahre nebenbei etwas über Landwirtschaft, Familiengeschichten, Landschaften und Traditionen. Das Pferd öffnet Türen. Und dahinter beginnt meistens die eigentlich interessante Geschichte.
Pferdekultur findet nicht nur auf dem Reitplatz statt
Vielleicht ist das einer der größten Unterschiede zu einem klassischen Reiturlaub.
Ich fahre nicht nach Portugal, um morgens zwei Stunden zu reiten und anschließend am Pool zu liegen. Wobei ich gegen beides grundsätzlich nichts einzuwenden hätte. Versteh mich nicht falsch: Ich reite supergern und bin auch der Meinung, dass ich von mir fremden Pferden und Trainern viel lernen kann. Mich stört aber schon, dass viele Schulpferde in Portugal ihr Leben in Boxen verbringen und dass ich eigentlich gar keine Beziehung zu den Tieren aufbauen kann, da das Konzept meist vorsieht, dass auch das Putzen und Satteln von jemandem aus dem Stall übernommen wird. Als Trainer nehme ich gerne punktuell mal solch eine Reitstunde, möchte aber nicht meinen ganzen Aufenthalt damit verbringen.
Mich interessiert viel mehr das ganze Drumherum. Die Menschen, die Zucht, die Geschichte.
In Golegã kann das bedeuten, morgens in der Manga eine Zuchtschau anzusehen und wenig später mit einem der Züchter ins Gespräch zu kommen. Im Ribatejo kann eine Begegnung mit den Campinos und ihrer Arbeitsreiterei mir eine weitere Facette der Lusitano-Kultur zeigen.
In Belém wiederum sitzen Reiter der EPAE auf Alter-Real-Hengsten und führen eine höfische Reittradition weiter, deren Geschichte Jahrhunderte zurückreicht. Oder es lassen sich historische Stallungen entdecken – die viele gar nicht kennen und die sogar das Erdbeben von 1755 überlebt haben.
Und dann gibt es Sattler, Lederhandwerker, alte Gestüte, Feiras und Menschen, deren Familien seit Generationen mit Pferden verbunden sind.
All das gehört für mich inzwischen genauso zur Pferdewelt Portugals wie das Reiten selbst.
Jede Region erzählt eine andere Geschichte
Im Zusammenhang mit dem Lusitano denken die meisten vor allem an das Ribatejo und den Alentejo. Das ist auch nicht ganz falsch. Dort liegen einige der großen Gestüte, dort prägen Pferde- und Stierzucht vielerorts bis heute die Landschaft und dort befindet sich mit Golegã wohl der bekannteste Treffpunkt der Lusitano-Welt.
Aber je mehr ich von Portugal kennenlerne, desto spannender finde ich die regionalen Unterschiede.
Im Alentejo verändern sich Landschaft und Tempo. Große Weideflächen, Korkeichen und Olivenbäume bestimmen das Bild. Hier liegen majestätische Orte, an denen Könige lebten und die ersten Schritte zur Entwicklung des Lusitanos gemacht wurden. Im Ribatejo lässt sich das Herz der Lusitanokultur erleben, eingebettet in eine traditionelle landwirtschaftliche Entwicklung und ein authentisches, noch nicht so stark vom Tourismus geprägtes Portugal. Auch der Sorraia kommt aus dieser Region. Der Stierkampf ist hier immer noch ein zentrales Element für die Entwicklung des Lusitanos. Im Westen an der Atlantikküste lässt sich traditionelle Lusitanokultur vielleicht am besten mit dem Besuch historischer Orte und entspannten Tagen am Strand kombinieren.
Im Norden Portugals ist alles grüner, bergiger und ein bisschen wilder. Rund um Ponte de Lima gibt es inzwischen eine lebendige Lusitano-Szene – gleichzeitig begegnet man mit dem Garrano einer Pferderasse, deren Geschichte schon sehr lange tief in dieser Region verwurzelt ist.
Genau solche unterschiedlichen Aspekte entdecke ich gerne. Je nachdem, wohin ich fahre, entdecke ich eine andere Facette möglicher Lebensentwürfe, Überzeugungen und Geschichten von Menschen, die eins gemeinsam haben: Sie widmen ihr Leben dem Lusitano.
Ich mag spontane Begegnungen
Natürlich plane ich meine Reisen. Teilweise ziemlich akribisch.
Termine mit Gestüten, Veranstaltungen, Reitmöglichkeiten, Interviews – vieles muss vorher organisiert werden. Gerade wenn man nur wenige Tage vor Ort ist, geht es gar nicht anders.
Und trotzdem sind es oft die ungeplanten Momente, die mich dann umhauen und an die ich mich später noch besonders gut erinnere.
Ein Gespräch, das eigentlich nur fünf Minuten dauern sollte und zwei Stunden später noch immer nicht beendet ist. Jemand, der sagt: „Wenn du schon hier bist, musst du unbedingt noch …“ – und schon verändert sich der Tagesplan.
Oder eine Begegnung führt zur nächsten und plötzlich stehe ich irgendwo an einem Ort, von dessen Existenz ich morgens noch nichts wusste.
Das funktioniert natürlich nicht immer. Manchmal steht man auch vor einem verschlossenen Tor, verfährt sich oder stellt fest, dass portugiesische Zeitangaben durchaus Interpretationsspielraum zulassen.
Aber auch das gehört irgendwie dazu.
Und natürlich gehört auch das Reiten dazu
Ja und auch wenn ich anfangs gesagt habe, dass ich nicht so der Typ für ganze Wochen-Reitkurse bin, liebe ich es natürlich, auf dem Rücken eines Lusitanos unterwegs zu sein. Besonders schön finde ich dabei, die Landschaft im Sattel zu erkunden.
Ich liebe Galopp am Strand. Aber auch ein Schrittausritt durch eine Landschaft, die ich noch nicht kenne, reizt mich, sofern es den Pferden gut geht, ihre Ausrüstung passt und sie gut gehalten werden.
Wenn ich Unterricht in Portugal nehme, lege ich Wert darauf, ein reell ausgebildetes Pferd zu reiten, das fein und souverän auf den Reiter reagiert. Was mich daran dann besonders interessiert, ist, welche Schwerpunkte in die Ausbildung gesteckt werden und was hier vielleicht anders gemacht wird als bei uns in Deutschland und was ich davon für mein eigenes Training mitnehmen kann. Der Austausch mit dem Trainer und Ausbilder des Pferdes ist mir daher auch sehr wichtig.
Eigentlich müsste ich doch langsam alles gesehen haben
Könnte man meinen.
Mein Reiseführer über den Lusitano ist inzwischen erschienen. Ich war mehrfach in Golegã, habe Gestüte besucht, war bei der Portugiesischen Hofreitschule, bin durch verschiedene Regionen gereist und habe sehr viele Menschen kennengelernt.
Und trotzdem wird meine Liste mit Orten, die ich noch sehen möchte, eher länger als kürzer. Denn jede Reise produziert neue Ideen.
Jemand erzählt von einem Gestüt oder lädt mich ein. Vielleicht erzählt er auch von einer Tradition, die ich noch nicht kenne. Von einem Ort, den ich mir unbedingt anschauen soll. Oder ich entdecke eine Region, die ich bisher noch gar nicht wahrgenommen habe – und möchte anschließend natürlich genauer wissen, was dort noch zu finden ist.
Tatsächlich bin ich niemand, der Orte auf der Weltkarte abhakt, weil er schon mal dort war. Mich interessierte schon immer – auch früher in Frankreich –, was hinter der touristischen Fassade zu finden ist. Wer sind die Menschen, die an einem Ort leben, wie denken sie, warum leben sie so, wie sie leben, wie ticken sie? Denn die Menschen sind diejenigen, die das, was uns bei unserer Reise begeistert, entwickelt und geprägt haben. In diesem Fall den Lusitano.
Durch dieses Pferd erfahren wir so viel, und je tiefer man eintaucht, desto mehr lässt sich entdecken. Für mich ist das der größte Reiz: Durch die gemeinsame Leidenschaft für den Lusitano erweitern wir unseren Horizont. Trotz unterschiedlicher Sprache, Kultur und Lebensweise finden wir womöglich mehr Gemeinsamkeiten als Dinge, die uns trennen. Für mich ist genau das auch ein Stück weit gelebtes Europa, in dem wir aufeinander zugehen und voneinander lernen.
*in den 2000er-Jahren war ich alle sechs Monate für eine Produktionsreise in Portugal, da ich im Raum Porto meine Modekollektion produzieren ließ.
