Ein gutes Leben für das eigene Fohlen
Heute wär mein Lusitano Quantum du Dastugue sechs Jahre alt geworden – ein kleiner Rückblick auf einen Artikel, den ich 2022 geschrieben habe als Erinnerung.
FÜTTERUNG & HALTUNGAUSBILDUNG


Als meine Stute im Februar 2020 starb, wollte ich eigentlich kein neues Pferd. Zu schmerzhaft war ihr Tod, und ihre Gesundheitsprobleme in den letzten Jahren hatten mich stark mitgenommen. Es wurde April, und Bilder von frisch geschlüpften Fohlen fluteten das Internet. Ich dachte, mein Entschluss sei felsenfest – bis ein kleines Pferd die Welt erblickte, das einfach alles mitbrachte, wovon ich schon immer geträumt hatte.
Quantum du Dastugue – ein edler Name, ein edles Pferd. Blaublütig, blauäugig und einfach perfekt. Liebe auf den ersten Blick. Und doch wischte der vernünftige rationale Mensch in meinem Kopf die Gedanken an einen Pferdekauf immer wieder beiseite.
Nein, kein Pferd mehr! Doch Social Media blieb hartnäckig und spülte mir weitere Fotos des mit der Zeit immer schöner werden Fohlens in meine Timeline.
Mehr als nur ein Foto
Ich begann, mich damit zu beschäftigen, warum es gerade dieses Pferd sein sollte. Einfach nur ein Opfer schöner Bilder wollte ich nicht werden. Auch wenn diese sicher beim ersten Vergucken eine große Rolle spielen. Schon mein Kindheitspony war ein Cremello. Das zuverlässigste und coolste Pony, das ich je kennenlernen durfte. Es hatte mich nachhaltig geprägt.
In den 80er-Jahren war diese Fellfarbe in Deutschland so gut wie unbekannt. Kam ich mit Pino, wie mein blauäugiger Vierbeiner hieß, in die örtliche Reithalle, wurde getuschelt und gelacht. „Heino“ nannten sie ihn oder auch „Frosch“. Mich juckte das nicht, denn Pino war mein Freund, und ich fand ihn wunderschön. Mit ihm zog ich wie ein Indianer durch den Wald, er machte alles mit. Ohne Sattel, nur mit Halfter und Strick im gestreckten Galopp übers Feld – Horridoh! Pino wurde über 30 Jahre alt, und ich traf ihn später noch häufiger auf Spaziergängen mit meinem Hund. Sein Besitzer hatte ihn, nachdem ich für mein Studium weggezogen war, an ein junges Mädchen verkauft. Bei ihr durfte er später auch seinen Lebensabend genießen. Es war schön zu sehen, dass er glücklich und in Würde alterte. Wo die Begeisterung für das Cremige herkommt, weiß ich also. Dass die Farbe lediglich ein Sympathiepunkt ist und kein Kaufkriterium, ist mir völlig bewusst.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet
Nun war ich so begeistert, dass ich mir einen Kauf definitiv vorstellen konnte. Das bedeutete aber auch, dass ich mich jetzt damit auseinandersetzen musste, ob ich diesem Pferd auch das Leben bieten könnte, das es verdient hatte. Neben einem Finanzplan, der alle möglichen Unmöglichkeiten berücksichtigte, befragte ich noch verschiedene Fachleute meines Vertrauens, was sie vom Kauf eines Fohlens hielten. Tatsächlich gab es hier viele Argumente, die gegen solch einen Kauf sprachen. Etwa dass man nie wüsste, was aus dem Fohlen später würde, dass man die Rittigkeit nicht beurteilen könnte, der Charakter sich erst noch entwickeln würde und somit auch nicht gut zu beurteilen sei sowie dass es durchaus und nicht selten passieren könnte, dass sich das Fohlen verletzt. Ich machte mir viele Gedanken darüber. Tatsächlich war mir am Ende allerdings wichtiger, ein tiefes Vertrauensverhältnis zu meinem Pferd aufbauen zu können und dieses von Anfang an zu begleiten. Reiten ist dabei heute für mich ein schönes Plus, das sich später ergeben kann. Der kleine Quantum bringt alle Anlagen mit, ein tolles Reitpferd zu werden, dessen Exterieur insbesondere für die Reitkunst oder Working Equitation prädestiniert ist. Am Ende entscheidet jedoch das Pferd, welchen Weg wir einschlagen werden. Alles kann, nichts muss. Ich denke, wer das so sieht, muss sich über Rittigkeit erst einmal keine Gedanken machen. Der Charakter ist zwar zum Teil angelegt, entwickelt sich häufig aber auch in der Interaktion mit dem Menschen weiter.
Die Unterbringung
Der Kauf war besiegelt, und als frisch gebackene Lusitano-Hengst-Mutti lebte ich zunächst noch fest in dem Glauben, dass es nicht so schwierig sein würde, für ein schon recht wohlerzogenes junges Pferd einen Aufzuchtsplatz zu finden. Dann beschäftigte ich mich noch einmal genauer mit allem, was mir persönlich für seine Aufzucht relevant schien. Im Folgenden möchte ich daher ganz besonders darauf eingehen, worauf man bei der Stallwahl als Jungpferdebesitzer achten sollte (am besten schon BEVOR man Jungpferdebesitzer wird!).


Warum ein Fohlen?
Jahre später traf ich in einem Stall eine Pferdebesitzerin mit einem jungen Freiberger-Wallach. Dieser folgte ihr wie ein Hund. Die Verbindung zwischen den beiden war toll. Selten habe ich ein so großes Vertrauen zwischen Mensch und Pferd gesehen. Diese Begegnung erinnerte mich wieder an Pino und daran, weshalb ich eigentlich schon als Kind von Pferden geträumt hatte. Das Geheimnis dieses Pferd-Mensch-Gespanns lag offenbar darin begründet, dass das Mädchen das Pferd schon von klein auf hatte. Es hatte den Freiberger von einem Schlachttransport gerettet.
Damals wuchs in mir der Gedanke: Wenn ich in meinem Leben noch einmal ein Pferd kaufen sollte, dann soll es ein Fohlen sein, und ich möchte von Anfang an ein solches Vertrauen aufbauen können. Die Zeit verging, und je mehr ich mich mit der Reitkunst beschäftigte, desto klarer wurde außerdem, dass mein Herz für Lusitanos schlägt. Mehrere Reisen nach Portugal machten diese Faszination noch größer.
Genau hingeschaut
Ich wusste also eigentlich schon lange, was ich wollte – und der kleine Quantum erfüllte all diese Kriterien. Nun guckte ich mir die Seite der Züchter genauer an, und mir gefiel, was ich dort las. Eine kleine familiäre Zucht, die besonderen Wert auf das Interieur ihrer Pferde legt. Quantums außergewöhnliche Farbe war dabei eher Zufall als Kalkül. Auch Quantums Eltern schaute ich mir genauer an. Immerhin geben sie ihr Erbgut an ihre Kinder weiter. Gerade beim Kauf eines Fohlens ist es daher wichtig, Mutter und Vater des Pferdes genauer unter die Lupe zu nehmen.
Ein weiteres Plus der Züchter ist für mich, dass ihre Pferde mit Familienanschluss groß werden. Sie lernen schon, mit der Mama spazieren zu gehen und Neues zu erkunden. Auch die witterungs- und landschaftsbezogenen Aufzuchtsbedingungen gilt es zu prüfen: Der Hof der Züchter liegt in der Gascogne. Das Land dort ist leicht hügelig und die Witterung im Sommer sehr warm, im Winter gibt es durchaus häufig Minustemperaturen, sodass ein Pferd hier einen ordentlichen Winterpelz entwickeln muss.
Das erste Treffen
Ein Pferd zu kaufen, ohne es persönlich kennengelernt zu haben, kam für mich nicht infrage. Und so fuhr ich hin, um Quantum und auch seine Züchter zu treffen. Da stand er. Neben seiner Mutter. Er beäugte mich skeptisch. Seine Züchter führten Mutter und Sohn zum Reitplatz und ließen Quantum dort frei laufen. Er fing sofort an, mit dem dreijährigen Hengst der Züchter, der am Reitplatz auf einem Paddock stand, über den Zaun hinweg zu spielen. Dann kam er zu mir, und wir begrüßten einander vorsichtig. Das Eis war gebrochen, als Quantum entdeckte, dass nicht nur die ihm schon bekannten Menschen, sondern auch ich das Kruppekraulen beherrschte. Gut fand ich auch, dass die Züchter mich akribisch ausfragten, um sich ein Bild von mir zu machen.
Der erste Kontakt mit dem kleinen Quantum. Hier begrüßt er mich zum ersten Mal.
(Foto: Elevage du Dastugue)
Auf dem Paddock fing Quantum direkt an, mit dem dreijährigen Nachwuchshengst der Züchter über den Zaun hinweg zu spielen. (Foto: Elevage du Dastugue)
Der Blick und die Schnute – da war es schon um mich geschehen. So sah Quantum ein paar Tage nach seiner Geburt aus. (Foto: Elevage du Dastugue)
Meine Top Ten der Jungpferdehaltung
1. Altersgenossen zum Spielen und Toben – möglichst von ähnlichem Temperament –, ältere Pferde, die den Youngstern Sicherheit geben, zur Erziehung und Anleitung stabile Gruppenverhältnisse ohne ständige Wechsel
2. frische Luft das ganze Jahr (keine Stallhaltung), sauberes Wasser
3. viel Platz zum Spielen, Toben, Laufen
4. möglichst viele verschiedene Untergründe, um die Hufe und Beine zu stärken
5. Gras im Sommer (mit Heuergänzung), Heu im Winter
6. die Möglichkeit, bei Bedarf zuzufüttern (Mineralien, eventuell etwas Kraftfutter für mehr Energie im Wachstum)
7. die Möglichkeit, das Jungpferd besuchen zu können und mit ihm auch etwas machen zu dürfen – sprich es aus der Gruppe herauszuholen
8. ein matschfreies und gepflegtes Paddock im Winter, Weidepflege im Sommer
9. ein Management, das dafür sorgt, dass keine fremden Menschen an das Pferd gehen, und das selbst sensibel auf die Pferde eingeht
10. ein durchdachtes Gesundheitsmanagement (notwendige Impfungen und Entwurmungen, damit die Youngster gesund aufwachsen können).
DIE HERDE
Damit es sich psychisch und physisch gut entwickelt, muss ein Fohlen mindestens bis zum Alter von drei oder vier Jahren in einer Herde mit Altersgenossen leben und mit mindestens einem erwachsenen Pferd, besser mit mehreren, die für Sicherheit und Ordnung sorgen und ein gutes Sozialverhalten vermitteln.
Das Recht des Stärksten?
Wie bei erwachsenen Pferden gibt es auch in der Jungpferdeaufzucht verschiedenste Haltungskonzepte, zu denen ich kurz Stellung nehmen möchte. Bei etlichen Züchtern ist es üblich, dass die Pferde nicht aus der Herde entnommen werden dürfen. Die Gefahr, dass es zu Verletzungen kommt, wenn das Pferd wieder in die Gruppe zurückgebracht wird, sei zu groß, war die häufigste Begründung. Dies mag sicher stimmen, liegt aber meist daran, dass die Jungpferde sich selbst überlassen werden und somit das Recht des Stärkeren regiert. Gerade in Hinblick auf die soziale Entwicklung eines Pferdes muss es mir als Pferdebesitzer wichtig sein, dass mein Pferd lernt, mit seinen Artgenossen korrekt zu kommunizieren und sich ohne Stress in einer Gruppe zurechtzufinden.
Dafür muss ich auch seinen individuellen Charakter berücksichtigen, und es sollte vor Ort die Möglichkeit geben, Rabauken wenn nötig auch von den vorsichtigen Typen zu trennen, um Stress zu reduzieren. Die Jungpferdeaufzucht wird heute meist als etwas verstanden, das bis zum dritten Lebensjahr erfolgt. Dann werden neue Gruppen gebildet mit neuen Jungpferden, und die Dreijährigen müssen weg. Möchte man bewusst eine stabile Gruppe, in der das eigene Pferd vielleicht auch bis ins Alter von vier Jahren groß werden und den Erziehungskindergarten durch andere Pferde genießen darf, muss man darauf von Anfang an achten.
Ein weiteres Konzept sind Ställe, wo Jungpferde in Zweiergruppen gehalten werden. Das kann gerade für besonders vorsichtige Pferde zunächst als stressfreie Lösung erscheinen. Nachteilig hier ist jedoch definitiv, dass die Jungpferde anfangen, an ihrem Paddocknachbarn zu kleben und nicht lernen, in einer größeren Gruppe korrekt zu kommunizieren.
Heunetze und Kraftfutter
Auch über die Fütterung sollte man sich Gedanken machen. Immer wieder fielen mir bei Besichtigungen von Ställen Heunetze auf, aus denen die Jungpferde fraßen. Heunetze sind aufgrund der Haltung, die Pferde an ihnen einnehmen müssen, in der Zwischenzeit nicht unumstritten. Pferde, die mit Heunetzen gefüttert werden, können Probleme im Genick entwickeln und im Kopfgelenksbereich sowie im Übergang von Hals- zu Brustwirbel. Das ist bei erwachsenen Pferden schon schwierig, wenn auch in manchen Haltungsformen mit viel Futter und wenig Bewegung teils ein notwendiges Übel.
Für die Knochen eines Jungpferdes, das sich noch im Wachstum befindet, sind Heunetze jedoch Gift. Sie können schon in den ersten Jahren, in denen sich noch alles festigen und ausbilden muss, für Haltungsschäden sorgen, die ich als Pferdebesitzer doch unbedingt vermeiden will. Die Fütterung von Kraftfutter sollte man bei der Stallsuche auf jeden Fall auch ansprechen. Es gibt Ställe, die grundsätzlich kein Kraftfutter füttern, ebenso wie solche, die allen dasselbe Müsli füttern, ohne die Pferde dabei voneinander zu trennen. Bei Letzteren besteht wieder das Problem, dass der Stärkste und Schnellste am Ende auch das meiste frisst. Außerdem kann es hier zu unschönen Auseinandersetzungen kommen. Mancher Stall überlegt sich dann spannende Lösungen, wie z. B. alle Jungpferde bei der Fütterung anzubinden, damit es keine Futterüberläufer gibt. Ein Problem gelöst, ein weiteres entsteht: Bedenken Sie bitte immer, wie schon erwähnt, dass die Knochen von Jungpferden noch im Wachstum sind. Ein Jungpferd, das sich in Panik in den Strick hängt, kann irreparable Schäden der Wirbelsäule davontragen, weswegen abgesetzte Fohlen niemals fest angebunden werden sollten!
Eine gute Lösung ist es, wenn Jungpferde für die Fütterung von eventuell nötigem, individuell abgestimmtem Kraft- und Mineralfutter in einem abgetrennten Bereich stehen können und ihre Ruhe haben . Auch das Raufutter muss bei der Wahl des Stalles eine große Rolle spielen. „Du bist, was du isst“ – daher sollte dieses von guter Qualität sein, keine Schimmelsporen enthalten und nicht stauben. Das Jungpferd steckt immerhin seine Nase im Winter große Teile des Tages hinein – gerade vor dem Hintergrund immer weiter steigender Zahlen an Pferden mit COPD ist diesem Thema eine hohe Priorität einzuräumen. Übrigens – auch wenn einige Landwirte darauf schwören: Nasse Silage ist kein Pferdefutter und auch für Jungpferde nicht geeignet. Eine wirklich gute trockene Pferdeheulage kann hingegen gerade in Wintern, vor denen die Sommer verregnet waren, sicherlich eine lungenfreundlichere Alternative zu staubigem und verpilztem Heu sein. Die Botulismusgefahr ist jedoch dabei immer zu berücksichtigen. Ich bin jedenfalls kein Fan davon.


Quantum mit seinem Freund Quiss beim Spielen im Winter 2020.
(Foto: Elevage du Dastugue)
NICHT ZU UNTERSCHÄTZEN
Gesundheit, Wachstum, physische oder psychische Entwicklungsprobleme, es gibt viele Dinge, die passieren können, bevor Ihr Fohlen alt genug ist, um geritten zu werden. Und ob es später so rittig sein wird, wie Sie sich das vorstellen, kann Ihnen niemand garantieren. Man sollte also im Bezug auf das Ergebnis eine Portion Flexibilität mitbringen, wenn man sich ein Fohlen kauft.
Miefiger Winter?
Apropos Lunge – sucht man im Winter nach einem Stall, öffnet einem das die Augen dafür, was das Pferd abseits der warmen Sommerszeit im Stall erleben könnte. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es leider immer noch Betriebe gibt, die Jungpferde im Winter ausschließlich im Stall entweder in Laufställen auf kleinstem Raum oder in Boxen halten. Doch auch Paddocks können die Lungen durch Ammoniakdämpfe belasten. Hier gilt es darauf zu achten, ob eine Drainage vorhanden ist und welcher Bodenbelag gewählt wurde. Im Sommer kann gerade Urin im Sand unter bestimmten Voraussetzungen starke Dämpfe entwickeln.
Eingliederung
Eine weitere Frage sollte bei der Stallsuche unbedingt der Eingliederung des Jungpferdes in die Gruppe gelten: Wie geht der Stallbesitzer vor? Das Vorgehen sollte dem Alter entsprechend immer vorsichtig und mit viel Gefühl stattfinden. Der Stallbesitzer sollte die anderen Pferde der Gruppe gut kennen und richtig einschätzen.
Gut ist es, wenn das neue Jungpferd alle anderen nach einer ersten Zeit, in der es noch abgetrennt ist von der Gruppe, zunächst einzeln kennenlernern kann. Dann sollten nicht alle auf einmal auf das neue Pferd losgelassen werden. Jungpferde sind meist noch relativ unsicher und unterwerfen sich schnell. Sie geraten aber auch bei Tumult in unbekannter Umgebung schnell in Panik. Wird die Eingliederung gut aufgebaut, ist die Gruppe sozial und besteht keine Ressourcenknappheit (Platz, Futter, etc.), sollte es aber gerade mit den Kleinen keine großen Probleme geben, da sie sich besonders schnell und gerne eingliedern.
Der Fall der Fälle: Das Jungpferd verletzt sich
Blöd wird es, wenn sich das Jungpferd tatsächlich verletzt oder krank wird. Natürlich denkt niemand gerne daran, dass das passieren könnte. Allerdings geschieht es öfter, als man denkt, dass auch die Jüngsten tierärztlich behandelt oder vielleicht sogar in eine Klinik gebracht werden müssen. Für diese Fälle sollte der Stall gerüstet sein: Gibt es Notboxen? Areale, in denen ein krankes Jungpferd abgetrennt werden kann? Und was genau sollte der Pferdebesitzer mit dem Jungpferd üben? Tatsächlich kann eine solche Situation so schnell eintreten, dass man davor als frischgebackener Jungpferdebesitzer schlicht gar nicht mit dem Pferd üben konnte. Und selbst wenn man schon Vertrauen aufgebaut hat und Dinge geübt hat, kann es durchaus sein, dass das junge Pferd alleine die Tatsache, dass es eine oder mehrere fremde Personen berühren und untersuchen wollen, als sehr bedrohlich empfindet.
Als ich mein Buch „Kein Frust bei Boxenruhe“ schrieb, habe ich darin die jüngsten Mitglieder einer Pferdeherde noch nicht berücksichtigt. Immerhin gehören Pferde – und ganz besonders junge Pferde – raus an die frische Luft mit viel Platz für Bewegung, gutem Futter und Artgenossen. Verletzt sich ein Fohlen oder Jungpferd aber so sehr, dass es sich für eine gewisse Zeit nicht bewegen darf, schadet es nicht, wenn man als Pferdebesitzer ein wenig Wissen über das Management in dieser Situation in petto hat. Das Wichtigste, das wir wissen müssen: Raum gibt dem Pferd Sicherheit! Deshalb ist auch hier immer zu prüfen, wie schwer die Verletzung wirklich ist und wie viel Platz man dem jungen Patienten geben kann, damit er gesund wird, sich aber auch nicht vor Schreck noch schlimmer verletzt, weil nicht genug Raum vorhanden war, um einem unangenehmen Reiz (etwa dem Trecker, der vorbeifährt) ausweichen zu können.
Als Nächstes sollte das Jungpferd auch in Boxenruhe weiterhin Kontakt zu Artgenossen haben. Dieser sollte mindestens aus Sichtkontakt bestehen, um dem Jungpferd Sicherheit zu geben, das Jungpferd aber auch nicht dazu animieren, wild spielen zu wollen. Wie beim erwachsenen Pferd ist auch das Jungpferd (sofern es schon abgesetzt ist) am besten über Raufutter zu beschäftigen. Gerade in Boxenruhe, wenn es nicht auf eine Wiese kann, sollte dem Jungpferd ad libitum Heu zur Verfügung stehen. Eine Beschäftigung in Form von Spielen und Aufgaben ist je nach Alter und Reife des Pferdes noch nicht wirklich zum Zeitvertreib geeignet. Gerade wenn keine Artgenossen dafür vorhanden sind, kann dies das junge Pferd besonders animieren, mit seinem Besitzer spielen zu wollen. Das kann allerdings für beide Seiten gefährlich werden. Beschränken Sie daher die
Interaktion vor allem auf Fellpflege und Massagen, soweit diese vom Pferd erwünscht sind. Diese Präzisierung ist meiner Ansicht nach von höchster Wichtigkeit: Schon 2010 wurde in einer Studie der französischen Forschungsorganisation CNRS in Rennes bestätigt, dass Fohlen, die nicht berührt wurden, deutlich vertrauensvoller mit dem Menschen waren als solche, die von Anfang an berührt wurden. Grundsätzlich sollten wir auf die Zeichen unseres Pferdes achten – Gerade im Krankheitszustand, der eventuell mit Schmerzen verbunden ist, wird dies besonders wichtig: Sind Berührungen überhaupt okay? Und wenn ja, welche? Was hat es gerne? Was Fohlen und Jährlinge besonders gerne haben in der Boxenruhe ist übrigens, wenn wir einfach nur da sind. Setzen Sie sich zu Ihrem Jungpferd in die Box und seien Sie einfach da.
Umgang
Zu guter Letzt möchte ich noch darauf eingehen, wie wichtig es ist, dass der Stallbetreiber sowie alle Dienstleister am Pferd mit Ihnen auf einer Wellenlänge sind, was das Management und den Umgang mit dem Pferd anbetrifft. Als „Pferdemutti“ oder „-vati“ hat man ja grundsätzlich einen Spleen. Allerdings geht es in der Aufzuchtsphase vor allem darum, Vertrauen aufzubauen.
Es ist also unsere Aufgabe als Pferdebesitzer, unsere Jungpferde vor Menschen zu schützen, die übergriffig sind oder vom Jungpferd Dinge erwarten, die es noch nicht leisten kann. Gerade mit jungen Pferden braucht man viel Ruhe, Zeit, Geduld und liebevolle Konsequenz. Beobachten Sie Ihr Jungpferd genau und übernehmen Sie Verantwortung, wenn Sie feststellen, dass es sich fürchtet oder unwohl fühlt. Manche Jungpferde erstarren oder wehren sich in für sie nicht einschätzbaren Situationen. Das böse Erwachen kann später kommen, wenn sich die Erstarrung löst und das Pferd z. B. bei einem vielleicht unbedeutenden Geräusch plötzlich überreagiert. Pferde suchen immer die Nähe ihrer Artgenossen. Gerade Jungpferde brauchen Freunde und Vorbilder.
Auch das sollten wir immer im Kopf haben. Schnell kann es passieren, dass ein noch zu integrierendes und deshalb abgetrennt stehendes Jungpferd aus Sorge vor einer nicht einschätzbaren Situation einfach die Flucht nach vorne ergreift und über den Zaun zu den anderen Pferden hüpft.
Fazit
Seit November 2020 darf ich nun den Lebensweg des in der Zwischenzeit deutlich größer gewordenen Quantum du Dastugue begleiten. Vieles ist ganz großartig. Einiges habe ich beim Kauf noch nicht bedacht, einige Dinge sind nicht ganz so gelaufen, wie ich mir das gewünscht hatte. Will man die perfekte Pferde-Mutti sein, muss man auch einstecken können, weil das Leben einem schnell einen Strich durch die Rechnung macht.
Mir ist besonders wichtig, dass Quantum ein sozialverträglicher Vertreter seiner Art wird und mit seinesgleichen aufwächst. Außerdem möchte ich ihn besuchen und auch aus der Gruppe herausnehmen dürfen. Die Menschen, bei denen er aufwächst, sind Fachleute, denen ich mein Pferd guten Gewissens anvertrauen kann, weil sie die Dinge ähnlich sehen wie ich. Jede Begegnung mit meinem Pferd sorgt dafür, dass wir beide voneinander lernen, und genau so soll es sein.


Beim Fellkraulen war das Eis gebrochen. Quantum achtete aber noch sehr darauf, was seine Mutter gerade tat. (Foto: Elevage du Dastugue)
