Gebisskunde: Von Hebeln und Nussknackern
Die Wirkung von Gebissen ist eine Wissenschaft für sich. Viele Mythen halten sich hartnäckig – und für jedes reiterliche Problem scheint es das passende Gebiss zu geben. Besonders verwirrend ist die Frage nach der Hebelwirkung: Wann entsteht sie überhaupt, und bei welchen Gebissen spielt sie eine Rolle? In diesem Beitrag geht es um die physikalischen Grundlagen, die wichtigsten Aspekte der Zäumung und aktuelle Erkenntnisse zur Einwirkung.
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Wenn du dich durch Social Media klickst, findest du zum Thema Gebisswirkung unzählige Meinungen – aber wenig echte Klarheit. Da heißt es zum Beispiel, ein einfach gebrochenes Gebiss stelle sich dreiecksförmig im Maul auf oder könne gegen den Gaumen drücken. Andere behaupten, bei doppelt gebrochenen Gebissen liege das Mittelstück auf den Laden, weil die Kieferbreite oft überschätzt wird. Die nächste empfiehlt ein Stangengebiss als besonders pferdefreundlich, jemand anderes schwört auf das Kimblewick. So unterschiedlich die Aussagen sind, so individuell sind auch unsere Pferde – und genauso individuell sollte die Wahl des Gebisses sein.
Hilfreich ist es, wenn du jemanden an deiner Seite hast, der die Wirkung verschiedener Gebisse erklären und gemeinsam mit dir eine passende Lösung finden kann.
In diesem Beitrag geht es vor allem darum, was unter Hebelwirkung bei Mundstücken und Zäumungen wirklich zu verstehen ist – und welche Irrtümer sich rund um Trense, Stange und Kandare hartnäckig halten. Es geht dabei nicht um die Bewertung von „scharf“ oder „mild“, sondern um nachvollziehbare Zusammenhänge. Dabei stütze mich auf Studien zu dem Thema.
Denn am Ende hat vor allem die Hand des Reiters den größten Einfluss. Und die Wirkung eines Gebisses hängt immer auch von der gesamten Zäumung, ihrer Einstellung und Verschnallung ab.
Trensengebisse
Trensengebisse wirken grundsätzlich auf Zunge und Laden des Pferdes. Es gibt sie einfach oder doppelt gebrochen – also mit einem oder zwei Gelenken. Durch ihre Beweglichkeit ermöglichen sie, anders als eine Stange, auch eine seitliche Einwirkung.
Schon de la Guérinière beschreibt die Trense als Mundstück für junge Pferde. Vermutlich arbeitete er mit einer Knebeltrense, denn er erwähnt kleine seitliche Stangen, die verhindern, dass das Gebiss durch das Maul gezogen wird. Diese seitliche Begrenzung sorgt gleichzeitig dafür, dass das Gebiss ruhiger liegt.
Auch heute findet die Knebel- oder Fulmertrense noch Verwendung, etwa in der Spanischen Hofreitschule. Dort wird sie häufig mit Feststellriemen eingesetzt, um die Lage im Maul weiter zu stabilisieren. Es stellt sich mir allerdings die Frage, ob durch die Feststellriemen eventuell bei Zügelzug mehr Druck auf das Genick erfolgt. Dazu habe ich leider bisher keine Studienergebnisse gefunden.
Die Bauchertrense
Immer wieder liest man, dass die Bauchertrense ein Hebelgebiss sei. Vermutlich liegt das an den zwei Oberbäumen, an denen die Backenstücke befestigt werden. Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall. Würde hier eine echte Hebelwirkung entstehen, müsste Druck auf das Genick ausgeübt werden – genau das passiert bei der Bauchertrense aber nicht. Vielleicht ist das auch der Grund, warum viele Pferde dieses Gebiss als angenehm empfinden.
Nimmst du die Zügel auf, dreht sich das Gebiss leicht nach oben in die Maulwinkel. Dadurch wird Druck von den Laden genommen, die Backenstücke lockern sich und das Genick wird eher entlastet. Gleichzeitig kann sich bei einer einfach gebrochenen Variante das Gelenk etwas stärker in die Zunge drücken. Grundsätzlich sorgt der Zug auf die Maulwinkel für eine stärkere Beizäumung. Das solltest du im Blick behalten. Die Bauchertrense kann aufrichtend wirken, sie kann aber auch dazu führen, dass sich das Pferd einrollt.
Oft hört man auch, mit der Bauchertrense könne man nicht in „Anlehnung“ reiten. Dahinter steckt meist ein Missverständnis: Fester Zügelzug ist keine Anlehnung. Ein leichter, vom sich selbst tragenden Pferd gesuchter Kontakt – was ich unter Anlehnung verstehe – ist auch mit der Bauchertrense problemlos möglich.
Stangengebisse
Stangengebisse können sich bei einseitigen Zügelhilfen verkanten. Wenn du sie nutzt, solltest du dein Pferd deshalb sicher einhändig über Gewicht und Schenkel durch Wendungen führen können. Stellung und Biegung lassen sich mit einer starren Stange nicht erarbeiten – dafür braucht es immer vorbereitende Arbeit, etwa am Kappzaum oder mit der Trense.
Dafür liegen Stangengebisse bei einhändiger Zügelführung ruhig im Maul. Viele Pferde empfinden sie als angenehm, weil sie das Mundstück mit der Zunge etwas von den Laden wegdrücken können.
Die Baucherstange kombiniert die Eigenschaften der Bauchertrense mit denen eines Stangengebisses. Wichtig dabei: Eine Stange hat nicht automatisch eine Hebelwirkung – solange keine Unterbäume vorhanden sind.
Wie funktioniert Hebelwirkung eigentlich?
Ein Hebel ist ein starrer Körper, der sich um einen festen Punkt dreht. Im Alltag begegnet er dir ständig – als Wippe, Schere, Nussknacker oder Schraubenschlüssel. Grundsätzlich gilt: Je größer die Last und je kleiner die eingesetzte Kraft, desto länger muss der Kraftarm im Verhältnis zum Lastarm sein. Es gibt einseitige und zweiseitige Hebel, gerade und gewinkelte – gemeinsam haben sie immer einen festen Drehpunkt.
Ein Beispiel für einen einseitigen Hebel ist die Schubkarre: Der Drehpunkt liegt am Rad, die Last in der Mitte, die Kraft wirkt über die Griffe. Bei zweiseitigen Hebeln wie Wippe oder Schere liegt der Drehpunkt in der Mitte, Kraft und Last wirken von außen. Damit eine leichtere Person eine schwerere ausbalancieren kann, sitzt sie weiter außen – der längere Hebelarm gleicht die geringere Kraft aus.
Mathematisch lässt sich das so ausdrücken: Kraft mal Kraftarm entspricht Last mal Lastarm. Dieses Prinzip beschrieb schon Archimedes vor über zweitausend Jahren.
In der Reitlehre wird oft vereinfacht gesagt: Trensen haben keine Hebelwirkung, Hebelgebisse dagegen schon – nämlich dann, wenn Ober- und/oder Unterbäume vorhanden sind.
Die tatsächliche Wirkung hängt jedoch von mehreren Faktoren ab: von Form und Stärke des Gebisses, von der Gestaltung der Zungenfreiheit und vor allem vom Verhältnis der Seitenteile. Je länger der Unterbaum im Verhältnis zum Oberbaum ist, desto stärker kann die Kraft wirken – auch bei scheinbar kurzen Anzügen.
Eine Hebelwirkung entsteht allerdings auch nicht allein durch Ober- und Unterbaum, sondern erst durch das Zusammenspiel mehrerer Elemente:
Oberbaum (Backenstücke)
Unterbaum (Zügelaufnahme)
Drehpunkt (Maulstück im Pferdemaul)
Kinnkette (Unterlegkette)
Die Kinnkette wirkt dabei als Gegenlager. Sobald du die Zügel annimmst, beginnt sich die Kandare zu drehen. Erst wenn die Kinnkette anliegt, entsteht ein stabiler Drehpunkt – und damit die eigentliche Hebelwirkung. Ohne Kinnkette würde sich das Gebiss weiter drehen, ohne klaren Widerstand. Die Einwirkung wäre weniger definiert und deutlich instabiler.
Wichtig dabei:
Je enger die Kinnkette verschnallt ist, desto früher und direkter setzt die Hebelwirkung ein.
Je lockerer, desto später greift sie – und desto „weicher“ wirkt das Gebiss zunächst.
Die Kinnkette beeinflusst also nicht nur die Stärke, sondern auch den Zeitpunkt und die Art der Einwirkung.
Studie zum Genickdruck
2016 veröffentlicht ein Forschungsteam der Universität Durham unter der Leitung von Graham H. Cross eine Studie zur Zügelspannung. Gemessen wurde dabei sowohl am Zügel als auch am Backenstück, um zu verstehen, wie sich die Spannung beim gerittenen Pferd überträgt. Ziel war es, den sogenannten Genickdruck genauer zu untersuchen.
Das Ergebnis: Bei einer Zügelkraft von bis zu 2,5 Kilogramm – etwa im Schritt oder ruhigen Trab – kommt es bei Trensengebissen sogar zu einer Entlastung des Genicks. Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt meiner Ansicht nach beim Bauchergebiss. Die Forscher fanden aber auch heraus, dass bei Gebissen mit Hebelwirkung die Zügelspannung deutlich weniger stark auf das Genick übertragen wird, als oft angenommen. Die Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass das Maul kein fester, sondern ein beweglicher Drehpunkt ist. Zusätzlich zeigt sich: Wird eine Kandarenkette verwendet, wird die entstehende Spannung eher auf das Kinn als auf das Genick geleitet. Überraschend ist auch, dass selbst eine locker eingeschnallte Wassertrense leichten Druck auf das Genick ausüben kann.
Was ist der „Nussknackereffekt“?
Der Nussknacker gehört zu den einseitigen, geraden Hebeln. Überträgt man dieses Prinzip auf die Reiterei, müsste der sogenannte „Nussknackereffekt“ also auf eine Hebelwirkung hinweisen – bei einer Trense, die laut Definition eigentlich keinen Hebel hat.
Trotzdem hielt sich lange die Vorstellung, dass eine einfach gebrochene Trense bei zu großer Gebissweite den Unterkiefer einklemmt und so dieser Effekt entsteht.
In ihrer Bachelorarbeit untersucht Friederike Uhlig 2009 die Auswirkungen von zunehmendem Zügelzug auf Zunge und Trensenlage. Eine Berührung des Gaumens kann sie bei korrekt verschnalltem Reithalfter jedoch nicht feststellen. Zusammen mit den Ergebnissen der Durham-Studie spricht das klar gegen die Nussknacker-Theorie.
Gleichzeitig zeigt sich: Wird eine Wassertrense ohne Reithalfter verwendet, kann ein leichter Genickdruck entstehen. Das könnte wiederum auf eine geringe Hebelwirkung hindeuten.
Der Einfluss des Reithalfters
Und damit sind wir auch schon bei einem weiteren entscheidenden Faktor für die Wirkung des Gebisses: Reiten wir mit oder ohne Reithalfter, welches wählen wir und warum?
Das englische Reithalfter
Beim englischen Reithalfter verläuft zusätzlich zum Genick und Backenriemen ein Nasenriemen etwa zwei Fingerbreit unterhalb des Jochbeins. Wenn es verschnallt ist, sollten noch zwei Finger aufrecht zwischen Nasenrücken und Nasenriemen passen. Der Nasenriemen ist über zusätzliche Backenstücke mit dem Genickriemen verbunden. Nur das englische Reithalfter darf auch mit derKandare verwendet werden.
Interessant: Bei einer Studie britischer Forscher, die untersuchte, wie Reithalfter den Druck beeinflussen, der beim Reiten auf der Pferdenase landet3, schnitt das englische Reithalfter am besten ab. Die Druckbelastung war beim kombinierten Reithalfter im Schnitt am höchsten. Getestet wurden das englische, das hannoversche und das kombinierte Reithalfter.
Das kombinierte Reithalfter
Ein kombiniertes Reithalfter verbindet das englische mit dem hannoverschen – zusätzlich zum Nasenriemen verläuft ein Sperrriemen um die Nüstern. Damit lässt sich das Pferdemaul natürlich noch effektiver schließen als mit nur einem Riemen. In der Praxis zeigt sich jedoch oft, dass diese Reithalfter nicht korrekt verschnallt sind. Verspannungen oder sogar eingeschränkte Atmung können die Folge sein.
Doch selbst korrekt verschnallt erfüllt der Sperrriemen im Grunde nur einen Zweck: Er verhindert, dass das Pferd das Maul öffnet – und sich damit äußert. Auch das häufig genannte Argument, das Gebiss liege dadurch ruhiger im Maul, überzeugt nicht.
Wenn die Hand so unruhig ist, dass ein zusätzlicher Riemen nötig erscheint, gibt es bessere Wege, das Pferdemaul zu schonen. Reagiert ein Pferd, hat das einen Grund – und genau dort solltest du ansetzen, nicht beim Symptom.
Das hannoversche Reithalfter
Beim hannoverschen Reithalfter liegt der Nasenriemen etwa vier Fingerbreit oberhalb der Nüstern und damit deutlich tiefer als bei anderen Reithalftern. Wichtig ist, dass er nicht zu tief verschnallt wird und immer auf dem knöchernen Nasenbein liegt.
Je tiefer du ihn einschnallst, desto größer wird das Risiko für eine beeinträchtigte Atmung oder sogar Schäden am Nasenbein, das nach unten hin schmaler wird.
Ursprünglich wurde dieses Reithalfter entwickelt, um seitliche Ausweichbewegungen zu begrenzen. Gleichzeitig schränkt es – ähnlich wie das kombinierte Reithalfter – die Maulöffnung ein. Damit unterbindet es auch Ausdrucksverhalten des Pferdes, das eigentlich wichtige Hinweise liefert. Genau diese Signale wahrzunehmen, wäre jedoch entscheidend für eine bessere Zusammenarbeit.
Das spanische / portugiesische Reithalfter
Das spanische Reithalfter ähnelt dem englischen, unterscheidet sich jedoch in einem wichtigen Punkt: Der Nasenriemen läuft locker durch Ösen in den mit dem Gebiss verbundenen Backenstücken. Nimmst du die Zügel an, wird ein Teil des Drucks vom Gebiss direkt auf den Nasenrücken umgeleitet. Gleichzeitig verhindert der Nasenriemen, dass die Backenstücke durchhängen.
In Studien zur Druckverteilung wird dieses Reithalfter bislang leider nicht berücksichtigt.
In der Praxis zeigt sich jedoch, dass der Nasenriemen meist gar nicht fest verschnallt wird, da er oft nur aus einem leichten Lederband besteht. So bleibt dem Pferd viel Bewegungsfreiheit im Maul, während gleichzeitig der Effekt eines lose hängenden Gebisses reduziert wird.
Die Zügelführung
In einer Studie zu verschiedenen Reithalftern zeigt sich: Keines der getesteten Modelle führt zu einer messbaren Veränderung der Zügelspannung. Die oft vertretene Annahme, ein einschränkender Nasenriemen ermögliche feinere Hilfen, könnte also schlicht nicht stimmen.
Ein Erlebnis aus einem Reitkurs hat mir das Thema Zügelgefühl noch einmal ganz deutlich vor Augen geführt. In Zweiergruppen sollten wir uns gegenseitig mit „Gebiss und Zügeln“ führen – das Gebiss war ein Löffel quer im Mund, daran befestigt zwei Schnüre. Der jeweilige Versuchspartner führte mit den Zügeln das „Pferd“ hinter dessen Rücken, sodass wir uns gegenseitig nicht sehen konnten. Ich führte zuerst, und meine Partnerin beschwerte sich bald, dass sie mich nicht „fühlen“ würde. Ich selbst hatte nach dem Rollentausch den Eindruck, dass meine Partnerin mir die Zähne ziehen wolle. Zwei Extreme – und beide führen zu massiven Kommunikationsproblemen.
Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, wie unterschiedlich Wahrnehmung und Sensibilität sein können. Überträgt man das auf Pferde, wird klar, wie fein abgestuft ihre Reaktionen sein müssen. Meinungen aus dem Internet solltest du deshalb immer kritisch hinterfragen. Vieles wird aktuell wissenschaftlich überprüft – und manches, was lange als selbstverständlich galt, hält dieser Prüfung nicht stand.
Am Ende bleibt: Sitz und Hand entscheiden. Und ein Zaumzeug sollte niemals nach Optik ausgewählt werden, sondern nach Funktion und Gefühl.
Quellen:
1 (2016) Cross, Graham & Cheung, Michael & Honey, Thomas & Pau, Michael & Senior, Kara-Jane. Application of a Dual Force Sensor System to Characterise the Intrinsic Operation of Horse Bridles and Bits.
2 (2009) Uhlig, Friederike. Darstellung der Lage verschiedener Trensengebisse im Pferdemaul bei Einwirkung unterschiedlich starken Zügelzuges am gerittenen Pferd im Halten.
3 (2019) J. Peters, R. Brassington. Preliminary investigation into the effect of noseband design on rein tension and the force exerted on the frontal nasal plane.
