Reitkunst in Deutschland
Begriffe wie Freiwilligkeit, Anmut und Harmonie begleiten unsere Arbeit mit dem Pferd seit Jahrhunderten. Sie stehen im Zentrum der akademischen und höfischen Reitkunst, wie sie vor allem im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert gepflegt wurde. Heute gibt es in Deutschland wohl eine der höchsten Dichten an Ausbildern, die sich diesem Ideal verschrieben haben. Doch wie hat sich Reitkunst hier eigentlich entwickelt?
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Das Grundprinzip der Reitkunst quer durch alle historischen Epochen betont die Freiwilligkeit. Die angestrebte Langlebigkeit eines Reitpferdes entsteht durch ein individuelles Training, das Körper und Psyche gleichermaßen berücksichtigt – und durch einen Umgang, der Lernen überhaupt erst möglich macht. In der Reitkunst geht es aber nicht nur darum, dass ein Pferd seinen Reiter schadlos tragen kann. Ziel ist es auch, seine natürlichen Bewegungen zu verfeinern und noch mehr Anmut zu entwickeln. Genau darin liegt die eigentliche Kunst.
Als Reiter ordnest du dich den Bedürfnissen des Pferdes unter. Du bleibst bescheiden, trittst souverän auf und führst mit kaum sichtbaren Hilfen. Reitkunst verlangt eine ruhige, kontrollierte und konzentrierte Geisteshaltung.
Noch vor zwanzig Jahren war die klassische Reitkunst ein Nischenthema, das nur in wenigen spezialisierten Einrichtungen gelehrt wurde. Seit den neunziger Jahren wächst in Deutschland jedoch eine Gemeinschaft von Reitern und Ausbildern, die sich für Reitkunst im barocken Sinne interessieren. Richtig Fahrt nahm diese Entwicklung aber erst in den vergangenen zehn Jahren auf.
Eine Umfrage aus dem Jahr 2013 zeigt, dass viele aktive Reiter die traditionelle Reitweise nicht mehr mit einem artgerechten Umgang mit dem Pferd vereinbaren können. Reiter, die sich mit dem klassisch-barocken Ansatz identifizieren, legen Wert auf Harmonie, Ästhetik und die Betrachtung des Reitens als Kunstform, während Überlegungen wie Leistung und das Streben nach Anerkennung, die im Wettkampf oft entscheidend sind, eine geringere Bedeutung haben.
Wenn du Reitkunst wirklich verstehen willst, reicht die praktische Ausbildung allein nicht aus. Du musst dich auch mit ihren historischen Wurzeln und dem gesellschaftlichen Kontext beschäftigen, in dem sie entstanden ist. Interessant ist, dass Reitkunst selbst in ihrer Blütezeit – im Barock – ein europäisches Phänomen war. Der Austausch zwischen den einzelnen Ländern spielte eine große Rolle, genauso wie politische Spannungen, die sich auch in der Reiterei widerspiegelten.
Kriege und zunehmende Militarisierung, aber auch veränderte Moden im Reitstil und beim Pferdetyp führten im neunzehnten Jahrhundert zum Niedergang der höfischen Reitkultur – und damit auch der Reitkunst um ihrer selbst willen. Gleichzeitig entwickelte sich die Gesellschaft weiter: Demokratien entstanden, Fortschritt hielt Einzug, und Pferde verschwanden zunehmend aus Bergwerken und von den Straßen der Städte. Doch wie war das eigentlich mit der Reitkunst in Deutschland vor 1900?
Deutsche Geschichte – ein kurzer Blick
Die Ursprünge der deutschen Geschichte liegen in der Entstehung des römisch-deutschen Königtums im zehnten und elften Jahrhundert. Ein einheitlicher Staat entstand daraus jedoch noch nicht.
In dieser Zeit entwickelte sich auch die deutsche Sprache – geprägt von zahlreichen Dialekten und ständig im Wandel. Die Bevölkerung setzte sich aus unterschiedlichen Gruppen zusammen: germanische Stämme und Kelten, römische Siedler im Westen sowie westslawische Stämme im Osten.
Das Römisch-Deutsche Reich, später als Heiliges Römisches Reich bekannt, ging im frühen Mittelalter aus dem Ostfränkischen Reich und Teilen Lothringens hervor. Seine Wurzeln liegen in der Krise des Fränkischen Reiches im neunten Jahrhundert. Die Kaiser sahen sich als Erben des antiken Roms – ein Anspruch, der immer wieder zu Konflikten mit dem Papsttum führte.
Mittelalter
Gegen Ende der Stauferzeit im zwölften und dreizehnten Jahrhundert verlor das Königtum zunehmend an Macht. Absolute Herrschaft gab es jedoch nie – stattdessen war die Zusammenarbeit mit einflussreichen Adeligen entscheidend. Anders als in England oder Frankreich entstand im Römisch-Deutschen Reich kein zentral gesteuertes System.
Im Spätmittelalter wuchs die Bedeutung einzelner Herrscher weiter und mündete 1356 in die Einführung einer Wahlmonarchie durch die Goldene Bulle Karls IV. Dieser dezentrale Aufbau prägt bis heute die föderale Struktur Deutschlands. Gleichzeitig entwickelten sich Städte zu wichtigen politischen Zentren.
Aus dieser Zeit stammt auch ein oft übersehenes Werk von Jordanus Ruffo, Stallmeister Kaiser Friedrichs II. Er beschäftigte sich bereits mit Pferdezucht, Ausbildung, Pflege und Krankheiten – ein Hinweis darauf, wie viel Wissen über Pferde damals schon vorhanden war.
Renaissance und Barock – die Blüte der Reitkunst
Die eigentliche Geschichte der Reitkunst beginnt nach heutiger Auffassung in der Renaissance, als in Italien die ersten Reitakademien entstehen.
Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert verändern Reformation, Gegenreformation und der Dreißigjährige Krieg auch das Gebiet des heutigen Deutschlands grundlegend. Trotzdem lässt sich erkennen, dass die Hohe Schule fester Bestandteil höfischer Kultur war. Hinweise darauf liefern unter anderem persönliche Reitpferde der Fürsten, sogenannte Leibpferde, ebenso wie Reitlehrbücher, qualifizierte Bereiter, Schulpferde und Reithäuser.
Untersuchungen zeigen, dass sich im siebzehnten Jahrhundert der Fokus verschiebt: Reiten wird weniger als Kriegstechnik oder Turniersport betrachtet, sondern zunehmend als Kunst. Im Mittelpunkt stehen die korrekte Ausführung der Lektionen, ein feines Verständnis für das Pferd und die Wirkung des Reiters nach außen.
Reitkunst bleibt zunächst eine Praxis des Adels. Fürstensöhne wachsen mit Pferden auf, anspruchsvolle Lektionen lernen sie jedoch erst später. Gleichzeitig entdecken auch wohlhabende Bürger das Reiten für sich – zunächst als Ausdruck von Status, später mit echtem Interesse. Mit der Öffnung von Reitakademien im achtzehnten Jahrhundert wird Reitunterricht schließlich auch für sie zugänglich, sogar an Universitäten.
Spätestens ab der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ist die klassische Reitkunst damit nicht mehr ausschließlich dem Adel vorbehalten.
Das 19. Jahrhundert
Im späten achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert durchläuft Deutschland tiefgreifende politische und gesellschaftliche Veränderungen. 1806 endet das Heilige Römische Reich im Zuge der Kriege gegen das revolutionäre Frankreich und die Vorherrschaft Napoleons. Nach den Befreiungskriegen entsteht der Deutsche Bund unter der Führung von Österreich und Preußen.
Die Reformbewegungen von 1848 scheitern, doch der Wunsch nach nationaler Einheit bleibt bestehen. Preußen übernimmt schließlich eine entscheidende Rolle bei der Gründung des Deutschen Reiches. Gleichzeitig prägen Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und Urbanisierung das Land.
In dieser Zeit wird vor allem die Kavallerie zum Ort, an dem Reiten auf hohem Niveau erhalten und weiterentwickelt wird.
Das 20. Jahrhundert
Das Streben nach Weltmacht führt Deutschland in den Ersten Weltkrieg. Nach der Novemberrevolution entsteht mit der Weimarer Republik die erste demokratische Regierung, doch die politische Instabilität ebnet 1933 den Weg für die nationalsozialistische Diktatur. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust markieren einen der dunkelsten Punkte der deutschen Geschichte. Nach 1945 wird das Land geteilt, 1989 folgt die Wiedervereinigung.
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist der internationale Pferdesport noch stark militärisch geprägt. In den späten zwanziger Jahren entsteht im Auftrag der 1921 gegründeten FEI ein erstes Dressurreglement. Maßgeblich beteiligt sind der französische General Decarpentry und der deutsche Generalmajor Max Freiherr von Holzing-Berstett. 1929 gelingt ihnen ein Regelwerk, das bereits das Wohl der Pferde in den Mittelpunkt stellt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt sich aus der Militärreiterei die Sportreiterei. In den fünfziger Jahren öffnet sich die Reiterei erstmals für eine breite Öffentlichkeit. Ursula Bruns prägt diese Entwicklung entscheidend: Sie gründet die „Pony-Post“, später „Freizeit im Sattel“, setzt sich für pferdegerechten Reitunterricht ein und entwickelt neue pädagogische Ansätze. Auch ihre Bücher und die „Immenhof“-Filme tragen dazu bei, das Reiten populärer zu machen.
In den siebziger Jahren kommen weitere Einflüsse hinzu. Jean-Claude Dysli macht das Westernreiten bekannt, gleichzeitig wächst das Interesse an spanischen Pferden. Die Reitlandschaft wird vielfältiger, Reiten zunehmend zur Freizeitbeschäftigung.
Durch den Blick über die eigenen Grenzen hinaus entsteht ein neues Verständnis von Reitkunst – geprägt von den alten Meistern, aber offen für Weiterentwicklung bis heute.
Welche historischen Reiter aus Deutschland kennst Du, die die Reiterei hierzulande nachhaltig geprägt haben? Wenn Du eine Übersicht haben möchtest über einige der wichtigsten alten Meister aus Deutschland, lies HIER weiter.
Markgraf Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach (1712–1757) (Foto: Wikimedia)
