Tensegrales Training: Konzept, Bedeutung und Anwendung
Tensegrales Training beschreibt kein neues Trainingskonzept, sondern eine wissenschaftliche Sichtweise auf das Zusammenspiel von Spannung und Stabilität im Körper des Pferdes – eine Idee, die sich gut mit der klassischen Reitkunst verbindet. Schon alte Meister wie Steinbrecht und de la Guérinière arbeiteten nach Prinzipien, die heutigen Erkenntnissen zur Biotensegrität entsprechen, auch wenn sie diese Begriffe nicht kannten. Entscheidend für die tensegrale Aufspannung des Pferdes ist der ausbalancierte, bewusste Sitz des Reiters, der es dem Pferd ermöglicht, seine Bewegungen harmonisch, stabil und gesund auszuführen.
AUSBILDUNG


Tensegrales Training - seit einiger Zeit geistert dieser Begriff durch Pferdezeitschriften, Bücher, hat es in der Zwischenzeit in viele Reithallen und Pferde-Whatsapp-Gruppen geschafft. „Wer bietet hier in der Gegend tensegrales Training an?" fragen Pferdebesitzer ihre Stall-Kollegen und erhoffen sich neue Ansätze und Erkenntnisse. Der Begriff wird wie ein Markenzeichen verwendet und gehört gefühlt zu einer neuen „Glaubensrichtung“ unter Pferdeleuten. Ich möchte daher einmal erklären, was wir unter tensegral verstehen und ob klassisches Training nicht per se schon tensegral ist, auch wenn der Begriff im Wording eines herkömmlichen klassischen Trainings nicht explizit verwendet wird.
Was versteht man unter dem Begriff „Tensegral“?
Der Begriff „Tensegrity“ (dt. Spannungsintegrität) setzt sich aus den Wörtern „Tension“ und „Integrity“ zusammen und beschreibt ein architektonisches Konzept, das auf dem Prinzip der Spannungsintegrität basiert. Dabei stabilisiert sich ein System durch das Zusammenspiel von kontinuierlichem Zug und diskontinuierlichem Druck selbst.
Im Kontext des Pferdetrainings bezieht sich Tensegrity auf die harmonische Koordination zwischen verschiedenen Körperteilspannungen, die es dem Pferd ermöglicht, sich geschmeidig und stabil zu bewegen. Der Pferdekörper wird als Tensegrity-System verstanden: Faszien, Muskeln und Sehnen bilden das Spannungsnetzwerk. Das ist der theoretische Teil. Eigentlich mit dem klassischen Gedanken der Alten Meister gut vereinbar und ganz wichtig: KEIN neuer Trainingsansatz, sondern lediglich ein Erkläransatz, der erstmals in den 1980er Jahren, insbesondere durch die Arbeit von Dr. Stephen Levin, einem Orthopäden aus den USA, systematisch auf den menschlichen Körper übertragen wurde. Ich möchte an dieser Stelle Maren Diel zitieren, die sich intensiv mit Biotensegrität beim Pferd beschäftigt: „Biotensegrität ist weder eine Therapieform noch eine Trainingsmethode, weder ein Markenzeichen noch ein Patent.“ Stattdessen handelt es sich um einen „Wissenschaftszweig, der die tensegralen Strukturen in Lebewesen erforscht und die (Fort-)Bewegung von Lebewesen anhand tensegraler Prinzipien erklärt.“
Ist Klassische Arbeit tensegral?
Diese Frage lässt sich nicht ganz so leicht beantworten, da wir heutzutage nicht mehr DIE „klassische Arbeit“ haben, sondern verschiedensten Konzepten begegnen, die alle von ihren Anwendern als „klassisch“ betitelt werden. Ich möchte mich hier auf die klassische Reitkunst und insbesondere auf Meister wie de la Guériniere und Steinbrecht beziehen.
Grundsätzlich lässt sich schonmal sagen, dass die klassische Reitkunst körperliche Fitness mit mentaler Fitness verbindet. Diese Herangehensweise ist intrinsisch tensegral, da sie auf der Idee basiert, dass das Pferd durch gezielte körperliche Übungen sowohl in seiner Muskulatur als auch in seiner Flexibilität geschult wird. Kritikpunkt ist hier oft, dass die Autoren sich auf biomechanische Konzepte stützten bei ihren Ausführungen.
Lass mich diesen Zusammenhang zunächst einmal erklären: Häufig wird von Vertretern des Tensegrity-Gedanken die klassische Biomechanik kritisch gesehen, da sie den Körper als ein System von starren Hebeln (Knochen) und Gelenken betrachtet, die durch Muskeln bewegt werden. Es wird als rein mechanische, hebelbasierte Erklärung abgelehnt. Das wird folgendermaßen begründet: Obwohl man von außen an einen lebenden Körper – besonders an dessen Gliedmaßen – Hebelwirkungen anbringen könne, wie es etwa im Kampfsport üblich sei, existieren im Inneren des Körpers selbst keine klassischen Hebelmechanismen. Deshalb ließe sich die Art und Weise, wie der Körper seine Bewegungen physiologisch steuert, nicht anhand von Hebelprinzipien erklären.
Das Konzept der Tensegrität (auch Biotensegrität genannt) hingegegen betrachtet den Körper als eine sich selbst stabilisierende Struktur, in der Zugkräfte (Faszien, Muskeln, Bänder) dominieren und Druckelemente (Knochen) voneinander getrennt halten. Es betrachtet den Körper also als ein ganzheitliches, dynamisches System. Eine Belastung an einem Punkt verteilt sich über das gesamte Netzwerk, wodurch die Struktur anpassungsfähig, widerstandsfähig und stabil wird. Alle Lebewesen basieren auf denselben biotensegralen Prinzipien. Wie stark sie ihr Bewegungspotenzial innerhalb dieses Systems entfalten können, hängt maßgeblich von den jeweiligen Lebensbedingungen und Umweltfaktoren ab, die ihnen zur Verfügung stehen.
Steinbrecht
Tatsächlich stimmt es, dass Steinbrecht sehr oft in seinem Werk mit Bildern von Hebeln, Sprungfedern, Stützpunkten, Lastverlagerung und Gelenkwinkeln argumentiert. Damit nutzt er die klassischen Biomechanik als Erklärmodell. Steinbrecht lebte aber von 1808 bis 1885. Die Biomechanik wird schon seit der Antike zur Veranschaulichung von Zusammenhängen angewendet. Da lag es natürlich nahe, dass gerade Reiter, die sich auf die Antike zurückbesannen (Klassik), sich auch dieses Erklärmodells bedienten. Das Tensegritymodell wurde erst frühestens Anfang des 20. Jahrhunderts in der Architektur entwickelt (man ist sich uneins darüber, wer genau der erste war), Steinbrecht konnte es also noch nicht kennen. Dennoch beschreibt er sehr häufig in seinem Werk genau das, was wir heute darunter beim Pferd verstehen. Auch wenn der Begriff selbst also nicht vorkommt, zeigt Steinbrechts Denken eindeutig Passagen, in denen er von Ganzheit, Spannungsverteilung, „Harmonie“ und weicher, verteilter Belastung spricht. Diese Ideen sind ganz klar tensegral. Alles, wo Steinbrecht das Pferd als Ganzes beschreibt, Biegung und Spannung im ganzen Körper verteilen will und vor isolierter, statischer Arbeit warnt, entspricht der Idee von Biotensegrity. Manche Passagen enthalten auch beides – klassische mechanische Begriffe und gleichzeitig ein sehr ganzheitliches Verständnis. Ein Beispiel für tensegrale Überlegungen Steinbrechts:
„Durch Biegung werden nicht nur die Gelenke beweglicher, indem die Gelenkbänder und Kapseln nachgiebiger gemacht werden, sondern vor allem werden die dabei beteiligten Muskeln in ihrer wechselseitigen Wirksamkeit geübt und ausgeglichen, indem die Beuger das Übergewicht über die Strecker dadurch erhalten. Man hat daher bei diesen Übungen den allgemeinen Typus des Pferdes wohl zu beachten, ob von Natur die Streck- oder Beugemuskeln an Kraftäußerung überwiegend sind. Im ersteren Falle müssen die Strecker durch viele und anhaltende Übungen in ihrer Wirkung gemäßigt werden und dadurch nachgiebig gemacht werden, im letzteren Fall aber die Tätigkeit der Beuger durch richtige Gegenwirkung der ersteren genau bestimmt werden. Durch den Gang und das entsprechende Tempo desselben wird der Reiter das richtige Mittel finden, die richtige Balance zwischen den sich entgegenwirkenden Muskeln herzustellen.“ (Gymnasium des Pferdes, Cadmos, Seite 77)
La Guérinière
La Guérinière verwendet in seinem 1736 erschienenen Werk „Ecole de cavalerie“ immer wieder Gedanken, die klar im zu seiner Zeit besonders aktuellen mechanisch‑biomechanischen Weltbild stehen (Hebel, Lastverteilung, Schwerpunkt, „Tragen“ der Vorhand), formuliert aber auch Beschreibungen von Ganzkörper‑Spannungszuständen, die sich gut mit heutigen Biotensegrity‑Ideen verbinden lassen. Hätte er die heutigen Modelle gekannt, wären seine Beschreibungen und Vergleiche wahrscheinlich völlig anders ausgefallen.
Viele der klassisch zitierten Passagen zu Schulterherein, Versammlung und zur Aufrichtung der Vorhand passen sehr gut in ein lineares, biomechanisches Denken von Kräften, Hebeln und Lastverschiebung. Typische Motive sind:
Verschiebung des Gewichts von der Vorhand auf die Hinterhand (z.B. durch Schulterherein, Halbe Paraden, „Erheben der Vorhand“).
Beschreibung, dass bestimmte Winkel und Linien (Schulter an der Bande, Hinterhand auf der Geraden) notwendig sind, um Gleichgewicht und Tragkraft zu verbessern; moderne Autoren deuten diese Effekte als Veränderung der Lastverteilung auf einzelne Gliedmaßen, insbesondere auf das innere Hinterbein in der Schulterherein‑Bewegung.
Betonung, dass das gerade‑gerichtete, symmetrisch gebogene Pferd seine Gliedmaßen „richtig“ setzen und dadurch Kräfte ökonomischer durch den Körper leiten kann – heute wird dies als Optimierung der Gelenksbelastung und Stoßdämpfung beschrieben.
Auch spätere biomechanische Interpretationen klassischer Autoren greifen la Guérinière explizit auf und stellen seine Gedanken in Zusammenhang mit Messdaten zur Wirbelsäulenbewegung und zur Kraftübertragung von der Hinterhand über die Wirbelsäule. Hier wird z. B. gezeigt, dass die Wirbelsäule die Schubkraft der Hinterhand in vertikale und horizontale Komponenten „umrechnet“, was zu de la Guérinières Forderung nach einer aufgerichteten, tragenden Haltung der Vorhand passt.
Biotensegrity beschreibt den Körper, wie wir schon in den vorherigen Absätzen gesehen haben, als ein kontinuierliches Spannungs‑Netz, in dem Knochen „schwimmende“ Druckelemente im Gewebezugnetz sind; Stabilität entsteht durch allseitige Spannung, nicht durch starre Säulen. In diesem Licht lassen sich bei la Guérinière mehrere Themen erkennen, die eigentlich doch schon auf ein biotensegrales Verständnis hindeuten:
Die Idee des Pferdes als harmonisches Ganzes, bei dem die korrekte Biegung der Hals‑Basis und der Rippen, eine lebendige, getragene Vorhand und eine untertretende Hinterhand als untrennbarer Verbund beschrieben werden; moderne Interpretationen betonen, dass dabei nicht einzelne Gelenke „gedrückt“, sondern myofasziale Ketten im ganzen Körper organisiert werden.
Das Schulterherein als „Schlüssel der Reitkunst“: la Guérinière beschreibt eine mehrdimensionale Veränderung – leichte Längsbiegung, Innenstellung, freiere Schulter, stärkere Lastaufnahme des inneren Hinterbeins. Im biotensegralen Sinne kann dies als gezieltes Umlenken und Ausbalancieren der Spannungen im gesamten Rumpf‑Schulter‑Becken‑System verstanden werden.
Die Aufrichtung der Vorhand über Anheben der Halsbasis und eine „geöffnete“ Oberlinie, die von manchen heutigen Autoren als Verbesserung der Spannung und Tragfähigkeit des Faszien‑ und Muskelnetzes um Schultergürtel und Brustkorb gedeutet wird; diese Deutungen stehen nahe an Modellen, in denen die Schulter wie ein „schwimmender“ Tensegrity‑Knoten im muskulo‑faszialen Netzwerk gedacht wird.
La Guérinière selbst argumentiert mit dem Wissen seiner Zeit und kennt weder moderne Messdaten der Wirbelsäule noch explizite Faszien‑ oder Tensegrity‑Modelle. Die Nähe zu Biotensegrity lässt sich bei einer Re‑Interpretation vor heutigem Wissen seiner Texte ganz klar herstellen. Ich bin der Meinung, dass es als Trainer meine Aufgabe ist, die klassischen Ideen aus den Werken der Alten Meister mit neuen Erkenntnissen abzugleichen. Dazu zählen neben dem Tensegrity-Modell als Erklärmodell auch andere wissenschaftliche Erkenntnisse, wie z. B. eine Abwendung von Dominanztheorien und eine Schulung des Reitersitzes nach modernsten Erkenntnissen. Auch wenn ich mich als Trainer klassisch barocker Reitkunst insbesondere auf das Werk de la Guérinières beziehe, muss ich dies doch vor dem Hintergrund des heutigen Wissens tun.
Führt Sitzschulung zur tensegralen Aufspannung des Pferdes?
Einer der entscheidenden Aspekte für eine korrekte tensegrale Aufspannung des Pferdes unter dem Reiter ist der Sitz des Reiters. Erst wenn der Reiter seinen Körper im Griff hat, kann sich auch das Pferd in seiner Bewegung und Aufspannung verbessern. Durch eine bewusste Körperhaltung und die richtige Gewichtsverteilung gelingt es dem Reiter zunächst, sich so auszubalancieren, dass er das Pferd in der Bewegung nicht mehr stört. Dazu gehört dann im weieren Verlauf auch eine sinnvolle Hilfengebung über einen ausbalancierten Sitz. Gewicht, Schenkel und Hände geben dann sicher Signale, die dem Pferd helfen, seine Spannungsverhältnisse zu steuern. Der Reiter lernt so auch, das Pferd in seiner Schiefe zu korrigieren und ihm zu helfen sich korrekt im Rumpf anzuheben (Wenn du wissen möchtest, wie genau meine Sitzschulung aussieht, lies HIER weiter).
In der Praxis bedeutet dies, dass Reiter lernen müssen, ihren Körper wahrzunehmen, Fehlhaltungen zu erkennen und zu korrigieren sowie ihr Gewicht und ihre eigene tensegrale Spannung bewusst einzusetzen. Durch regelmäßiges Training mit Sitzkorrektur über Videos und auf das Lernverhalten des Reiters abgestimmte Veränderungen, entsteht eine bessere Kommunikation zwischen dem Pferd und dem Reiter. Ich sehe so oft Unterricht, in dem nur auf das Pferd eingegangen wird. Die Pferde bemühen sich wirklich, aber durch den Sitz des Reiters ist es ihnen häufiug gar nicht möglich, sich so zu bewegen, wie es erwartet wird – selbst dann nicht, wenn sie am Boden ein sinnvolles Training zur Vorbereitung durchlaufen.
Fazit
Abschließend lässt sich sagen, dass das, was inhaltlich hinter dem Begriff des „tensegralen Trainings“ steht, eigentlich in der klassischen Ausbildung des Pferdes ein alter Hut ist. Es ist wahrscheinlich gut, dass Pferdebesitzer durch das Marketing von Trainern, die sich „tensegrales Training" auf die Fahne schreiben, sensibilisiert werden für die Zusammenhänge im Pferd und die Relevanz eines durchdachten Trainings. Gutes Training sollte aber immer die Bewegung des Pferdes verbessern und für eine gesunde Entwicklung seiner Muskulatur sorgen - kurzum das Pferd tragfähig machen indem es lernt sich korrekt aufzuspannen. Ich kombiniere deshalb die klassische Arbeit nach den alten Meistern (insbesondere de la Guérinière, de Andrade und Steinbecht) mit einer durchdachten Sitzschulung, die zum Ziel hat, den Reiter zu befähigen, seinen Körper im Raum auch in der Bewegung des Pferdes zu kontrollieren und damit das Pferd auch tensegral zu unterstützen. Diese beiden Punkte sind für mich gemeinsam der Schlüssel zur erfolgreichen Ausbildung von Pferd und Reiter. Wenn Du noch mehr über den Begriff des tensegralen Trainings und darüber, was er genau beinhaltet und wo man diesen Ansatz eventuell auch kritisch hinterfragen sollte und warum ich den Begriff eigentlich nicht so gerne verwende, erfahren möchtest, dann lies HIER weiter.
