🐴 Ausbildung: Barocke Bahnfiguren – Die Schlange.
Die barocke Bahnfigur „Schlange“ führt über mehrere Volten durch die ganze Bahn und verlangt eine sorgfältige Linienführung. In diesem Artikel erfährst du, wie die Figur geritten wird und worauf du bei Stellung, Biegung, Zügelverbindung und anschließender Dehnung achten solltest.
AUSBILDUNG


Wechselnde Biegung auf der Mittellinie
Die Schlange beginnt mit einer Volte an der kurzen Seite, führt in zwei Bögen entlang der Mittellinie und endet mit einer Volte auf der anderen Hand. Die Linienführung erinnert von oben betrachtet tatsächlich an eine Schlange, die sich von C nach A oder in umgekehrter Richtung durch die Reitbahn windet.
Innerhalb dieser einen Bahnfigur muss das Pferd mehrmals Stellung und Biegung wechseln. Die Schlange eignet sich deshalb gut, um die Beweglichkeit, das Gleichgewicht und die Reaktion auf die seitwärtsweisenden Hilfen zu überprüfen.
So wird die Schlange geritten
Du reitest auf der ganzen Bahn auf A oder C zu und reitest eine Volte von etwa zehn Metern Durchmesser. Diese Volte liegt auf der Mittellinie und wird eineinhalbmal geritten. Nach der ersten vollständigen Runde folgt also noch eine halbe Volte.
Aus dieser wechselst du unmittelbar in einen halben Voltenbogen zur anderen Seite. Bei X wird das Pferd erneut umgestellt, anschließend folgt ein zweiter halber Voltenbogen auf der anderen Seite der Mittellinie. Die Berührungspunkte der Bögen liegen alle auf der Mittellinie.
Am Ende der Mittellinie schließt sich bei A beziehungsweise C eine Volte auf der anderen Hand an. Auch diese wird eineinhalbmal geritten. Danach reitest Du ganze Bahn.
Die Schlange setzt sich damit aus vier Abschnitten zusammen:
einer eineinhalbfach gerittenen Volte an der ersten kurzen Seite,
einem halben Voltenbogen auf der Mittellinie,
einem zweiten halben Voltenbogen auf der anderen Hand,
einer eineinhalbfach gerittenen Volte an der gegenüberliegenden kurzen Seite.
Dein Pferd wird bei dieser Übung also gleichmäßig in bide Richtungen gebogen.
Beginne die Übung im Schritt. Wenn du die Linien sicher planen kannst und dein Pferd die Biegungswechsel ruhig ausführt, kannst du die Schlange auch im Trab reiten.
2025 habe ich im Rahmen eines Richterlehrgangs an einer Schulung zur Bewertung klassisch-barocker Prüfungen teilgenommen. Dabei ging es unter anderem um die korrekte Linienführung solcher Aufgaben und um die Frage, wie Biegung, Takt und die Harmonie zwischen Pferd und Reiter beurteilt werden.
Warum die Mittellinie wichtig ist
Auf der Mittellinie fehlt die Begrenzung durch die Bande. Das Pferd muss sich zwischen den Hilfen des Reiters ausbalancieren und kann sich nicht am Hufschlag orientieren. Gleichzeitig gibt die Mittellinie dem Reiter eine klare Achse vor, auf der sich die einzelnen Bögen treffen sollen.
Geraten einzelne Bögen der Schlange nach rechts oder links zu klein oder zu groß, lohnt sich ein genauer Blick auf die Schiefe deines Pferdes. Häufig fällt das Pferd auf einer Seite nach innen und auf deren nach außen. Doch auch eine ungleichmäßige Einwirkung des Reiters kann die gesamte Figur zu einer Seite verschieben.
Wichtig ist, dass alle Bögen gleich groß sein sollten. Der Wechselpunkt bei X liegt genau in der Mitte der Bahn. Wird der erste Bogen zu groß, fehlt dem zweiten der Platz. Das präzise Planen der Linie gehört deshalb ebenfalls zur Übung.
Mehrfaches Umstellen und Biegen
In der ersten Volte ist das Pferd zu einer Seite gestellt und gebogen. Am Übergang zum ersten Schlangenbogen muss es sich kurz geraderichten und anschließend die neue Biegung annehmen. Dieser Ablauf wiederholt sich bei X und vor der letzten Volte. Bei dieser Form der Schlangenlinie ist das sehr viel schwieriger als bei einer herkömmlichen Schlangenlinie, da du in den Volten weniger Zeit hast das Pferd umzustellen und somit sehr viel vorausschauender reiten musst.
Löse vor jedem Wechsel die bisherige Stellung, bevor du die neue verlangst. Der alte innere Zügel wird zum neuen äußeren Zügel. Auch die Aufgaben der Schenkel wechseln.
Der neue innere Schenkel unterstützt die Biegung und erhält die Aktivität. Der äußere Zügel begrenzt die Schulter. Der äußere Schenkel verhindert, dass die Hinterhand ausweicht. Ziehst du das Pferd vor allem mit dem inneren Zügel in den neuen Bogen, wird möglicherweise nur der Hals stärker gebogen, während die Schulter nach außen ausweicht. Auch auf deinen Sitz musst du hie besonders achten und dein Gewicht so einsetzen, dass das Pferd gut durch die Kurven kommt.
Der Wechsel sollte fließend erfolgen. Das Pferd darf sich für einen kurzen Moment geraderichten, ohne dabei ins Stocken zu geraten oder das Tempo zu erhöhen.
Die Schlange zeigt Unterschiede zwischen beiden Händen
Mehrere direkt aufeinanderfolgende Biegungswechsel machen Unterschiede zwischen der rechten und der linken Hand schnell sichtbar. Auf einer Seite wird die Volte vielleicht größer. Im nächsten Bogen fällt das Pferd nach innen oder benötigt mehrere Tritte, bis es die neue Stellung annimmt.
Auch der Reiter muss seine Hilfen zügig neu sortieren. Wer sich in einer Volte stark nach innen dreht (schau HIER, was Dir helfen kann) oder in einer Hüfte einknickt, kommt häufig zu spät in die nächste Biegung. Das Pferd erhält dann noch die Hilfen der alten Volte, obwohl die Linie bereits in die andere Richtung führt.
Bleibe mit deinem Oberkörper über der Mitte des Pferdes und richte dich auf den jeweils nächsten Bogen aus. Deine Augen sollten voraus gerichtet sein und den nächsten Bogen schon im Blick haben, ohne dass du dich im Sattel stark nach innen drehst. Wenn du zum Überdrehen neigst, kann dir das Bild der Scheinwerfer (HIER) helfen.
Typische Fehler
Die Schlange verliert ihre Form, wenn die erste Volte zu groß oder zu klein angelegt wird. Dann lassen sich auch die folgenden Bögen nicht mehr gleichmäßig auf der Mittellinie verteilen.
Achte außerdem darauf,
dass die Volten und Bögen tatsächlich rund werden,
dass das Pferd bei jedem Wechsel neu gestellt und gebogen wird,
dass die Hinterhand der Spur der Vorhand folgt,
dass Takt und Tempo erhalten bleiben,
dass du das Pferd nicht mit dem inneren Zügel in die Wendungen ziehst,
und dass du die neue Biegung rechtzeitig vorbereitest.
Wähle die Größe der Bögen passend zum Ausbildungsstand deines Pferdes. Kleine Volten verlangen mehr Biegung und Balance. Für ein junges oder noch wenig ausbalanciertes Pferd ist diese Figur daher, so wie ich sie hier beschrieben habe, noch nicht geeignet. Übe stattdessen lieber noch die normalen Schlangenlinien durch die ganze Bahn und baue dabei immer mal wieder eine Volte ein.
Nach der Schlange den Rahmen erweitern
Nach der letzten eineinhalbfachen Volte reitest du auf der ganzen Bahn weiter. An der langen Seite darf das Pferd seinen Rahmen erweitern und sich nach vorn dehnen. Diese Rahmenerweiterung wird in klassisch-barocken Prüfungen als Carrière bezeichnet.
Lasse die Hand so weit vorgehen, wie das Pferd den Zügel mit nach vorn nimmt. Treibe genau in dem Moment nach, in dem es sich dehnt. Es soll den Hals verlängern, im Takt bleiben und weiter aktiv vorwärtsgehen. Ein plötzliches Wegwerfen der Zügel würde die Verbindung unterbrechen. Vergisst du nachzutreiben, geht ein wesentlicher Nutzen der Übung verloren: Das Pferd soll sich nach den häufigen Biegungswechseln nach vorn dehnen, den Brustkorb weiterhin tragen und seinen Hinterbeinen genügend Raum für die Schubbewegung geben.
Die Carrière bildet damit einen sinnvollen Abschluss der gebogenen Linien. Sie zeigt außerdem, ob das Pferd nach den häufigen Wechseln loslassen und sich an die vorgehende Hand herandehnen kann.
Erst die Linie, dann das Tempo
In meinem Unterricht nutze ich die Schlange gerne, weil sie Stellung, Biegung und die Abstimmung der Hilfen auf beiden Händen innerhalb einer einzigen Bahnfigur überprüft. Häufig beobachte ich jedoch, dass meine Schüler bei der ersten Umsetzung völlig lost sind. Vielen fällt es schwer, sich die Linienführung räumlich vorzustellen und die Reitbahn gleichmäßig aufzuteilen.
Deshalb begrenze ich die Volten und Bögen zunächst mit flachen Markiertellern, den sogenannten Ufos. Die Wendepunkte und die Größe der Bögen werden dadurch sichtbar. Das erleichtert Pferd und Reiter anfangs die Orientierung.
Außerdem lasse ich die Schlange gerne zunächst im Tröpfchenschritt reiten: sehr langsam, aber mit aktiver Hinterhand, in kleinen, sorgfältig gesetzten Schritten und weiterhin im klaren Viertakt. Die Koordination geht vor. Erst wenn die Linienführung und die Wechsel der Hilfen sicher funktionieren, wird die Lektion in einem flotteren Tempo geritten.
Fortgeschrittene Pferd-Reiter-Paare können die Schlange schließlich auch im Galopp ausführen. Zunächst werden bei den Biegungswechseln einfache Wechsel geritten, später können fliegende Wechsel hinzukommen.
